Aufsatz 
Sprachgeschichte in der höheren Mädchenschule
Entstehung
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der Erweiterung dieſe Eigenſchaft oder Unterart infolge ihrer beſonderen Lebenskraft ſogar über ihren urſprünglichen Begriff hinaus und in die Sphäre eines andern hinüber, welchen ſie dann gerade ſo abſorbiert, wie eine einzige Eigenſchaft oder Unterart die andern abſorbiert:

Der Notpfennig und Zehrpfennig wächſt oft zu einer recht ſtattlichen Summe an.

DasHolzen bringen Prügelvirtuoſen auch mit der Fauſt fertig.

DasBlechen geſchieht in Silber, Gold und Papier.

arriver heißt eigentlich landen, von rive, das Ufer, dann ſchlechthinankommen.

panier, der Brotkorb, wird zum Korb ſchlechthin.

alarme, der Ruf zu den Waffen, all' arme, wird zum Lärm ſchlechthin.

Um nach dieſen Beiſpielen den Unterſchied zwiſchen Verengerung und Erweiterung noch⸗ mals hervorzuheben, ſo ſteckt bei der Verengerung in dem Begriff mehr, als das Wort ſagt, bei der Erweiterung aber weniger: blé bedeutet eigentlich mehr als Körnerfrucht, panier eigentlich weniger als Korb ſchlechthin. Nicht immer geſtalten ſich ſprachliche Vorgänge ſo überſichtlich wie in den gewählten Beiſpielen. So geht manches Wort durch eine ganze Reihe von bild⸗ lichen Übertragungen, Verengerungen, Erweiterungen, kurz, durch die wunderlichſten Verkettungen hindurch, bis es zum Stillſtand kommt, dem Bache vergleichbar, der aus dunkler Quelle ſtrömt, dann bald dieſes, bald jenes Seitenwäſſerlein aufnimmt, ſich bald verengt, bald verbreitert, bald im kühnen Sturz vom Fels zu zerſtieben ſcheint und trotzdem endlich in ruhigem Fluſſe das Wieſenthal erreicht: trotz allem Wandel immer der gleiche. Die eigentümliche Verkettung der Begriffe mögen noch ein Paar Beiſpiele erläutern.

Der Schweizer, eigentlich ein Schweizer Landsmann, dann ein Knecht aus der durch ihre treffliche Milchwirtſchaft bekannten Schweiz, dann ein Knecht, der die Milch⸗ wirtſchaft verſteht, einerlei woher. Damit vergleiche den Urſprung von Domſchweizer.

DerGulden iſt eine güldene, goldene Münze, dann jede Münze. Erſt der Urſprung des Worts belehrt uns über den Widerſpruch, der in den Wörtern Papiergulden, Silbergulden liegt.

mouchoir, ein Taſchentuch, dann ein Halstuch, dann von der dreieckigen Form, in welche letzteres gefaltet zu werden pflegt, ein Terminus des Maurerhandwerks, wobei ausſchließlich die ſchräge Form in Betracht kommt.

Bethätigt ſich in dieſem Fortleben eines einzigen Begriffes und dem gleichzeitigen Schwinden der anderen nicht in wunderbarer Weiſe jenes unerbittliche Naturgeſetz, das in der materiellen wie in der geiſtigen Welt überall dem Starken auf Koſten des Schwachen zum Sieg verhilft?

Verſchlechterung, Veredlung der Begriffe, Ethiſches im Wortſchatz.

Spielt bei der Entſtehung des Wortes die Phantaſie die Hauptrolle, ſo gibt es doch noch andere Faktoren, durch deren Zuſammenwirken das Wort erſt endgültig zu ſtande kommt. So iſt die Herabſetzung des Wertes der Wörter eine ſehr häufig vorkommende Erſcheinung, ja eine ſo häufige, daß Erzbiſchof Trench infolge dogmatiſcher Voreingenommenheit ſich ſogar dazu hinreißen läßt, in dieſer Verſchlechterung eine Wirkung des Sündenfalls zu ſehen. Er ſagt