Aufsatz 
Sprachgeschichte in der höheren Mädchenschule
Entstehung
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den Himmel, ſondern auch die Erde zu beleben und zu beſeelen, liegt nahe. Und an dieſer Schöpfung naiver, phantaſievoller Geſchlechter hat die Sprache auch dann noch feſtgehalten, als längſt das Bewußtſein der Gründe für die Wahl des einen oder des anderen Ge⸗ ſchlechts geſchwunden und die Sprache das rein praktiſche Werkzeug einer nüchternen Zeit geworden war. Ja, die engliſche Sprache hat ſogar durch den Verzicht auf die verſchiedene Geſchlechtsbezeichnung dieſen Reſt ihres poetiſchen Lebens ſchwinden laſſen und nur wie Weiſe etwas maliciös, aber treffend bemerkt wenn der Engländer von ſeinen Schiffen ſpricht, wird er dichteriſch geſtimmt, wenn er ſie durch die Verleihung des weiblichen Geſchlechtsworts beſeelt. Wie wir aber bei der Metapher geſehen haben, daß des Dichters bewußte Kunſt noch immer mit den Schöpfungen des unbewußt ſchaffenden Sprachgeiſtes wetteifert, ſo lebt auch die Fähigkeit der Perſonification noch immer fort. So redet Walter von der Vogelweide den OpferſtockHerr Stock an, ſo war dem Mittelalter das Bild derFrau Welt geläufig, ſo treten uns Kunſt und Viſſenſchaften in der allegoriſchen Form weiblicher Weſen in Malerei und Bildhauerkunſt entgegen. In der ſchöngeiſtigen Literatur hat die Perſonification ſogar zu umfangreichen Werken Anlaß geben, ſo in der ſinnigen Allegorie von Bunyan's Pilgrim's Progress und den gezierten Romanen des Mlle. de Scudéry. Jakob Grimm ſagt:Der Arm iſt uns männlich, die Zunge weiblich, das Herz neutral; der Sinn männlich, die Seele weiblich, das Wort neutral. Woher dieſe kühne Anwendung eines in der geſchaffenen Natur offen und geheim waltenden Unterſchiedes auf andere Dinge und Vorſtellungen? Durch dieſe wunderbare Operation haben eine Menge von Ausdrücken, die ſonſt tote und abgezogene Begriffe enthalten, gleichſam Leben und Empfindung empfangen.

Unerſchöpflich an Kraft tritt dem Bewohner des Südens die Sonne als Gott entgegen, die dem Bewohner des Nordens nur als milde Lichtſpenderin erſcheint, während der Mond dem Süden als erquickende Leuchte der Nacht weiblich, dem des Nordens mit kaltem Hauche männ⸗ lich entgegentritt. Bei den Tieren um noch ein anderes Beiſpiel zu geben unterſcheidet die Sprache in einigen Fällen das Geſchlecht durch beſondere Wörter wie Löwe, Löwin, im Allgemeinen aber gilt die Regel, daß große Tiere männlich ſind, ſo Bär, Hai, Adler, kleine weiblich, ſo Lerche, Forelle, Spinne. Einen Schritt weiter geht die Geſchlechtsdifferenzierung und ſcheint hierin faſt mehr einem logiſchen, als einem poetiſchen Inſtinkt zu folgen, wenn ſie abgeleiteten Wörtern zur Bezeichnung des Abhängigkeitsverhältniſſes weibliches Geſchlecht beilegt. Daher die Fülle weiblicher Abſtrakte wie Gehäſſigkeit, Bedrängnis, Feindſchaft von: der Haß, der Drang, der Feind. Oder ſie werden als ſächlich behandelt wie das Karlchen, Guſtchen, Kätzchen von: der Karl, die Guſte, die Katze. Wie hier das Unentwickelte, ſo wird auch das Indifferente als ſächlich behandelt, ſo die Sammelbegriffe, die ſich der Individualiſierung ent⸗ ziehen, weil ſie nicht als Einzelweſen gedacht werden können: das Korn, Holz, Heu. Außer der poetiſchen Quelle der Geſchlechtsbezeichnung kommen noch andere, mehr auf der Oberfläche liegende, in Betracht. Zunächſt die Analogie: été, der Sommer, obgleich von einem lateiniſchen Femininum ſtammend, wurde männlich, weil es die anderen Jahreszeiten im Franzöſiſchen ſind. Ferner die Anlehnung an ſinnverwandte Wörter: die Nummer, die Mauer, das Pferd folgen, obgleich ſie im Lateiniſchen männlich ſind, dem Geſchlecht von: die Zahl, die Wand, das Roß. Endlich die rein äußerliche Rückſicht auf die Endung, welche in vielen Fällen für das Geſchlecht