Aufsatz 
Sprachgeschichte in der höheren Mädchenschule
Entstehung
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Concreten zum Abſtracten, und umgekehrt, vom Concreten zum Concreten, vom Abſtracten zum Abſtracten. Hierbei muten uns weniger die ſo hergeſtellten Beziehungen zwiſchen der geiſtigen und körperlichen Welt fremdartig an, als die Übertragungen aus einer Sinnenſphäre in die andere, vom Concreten zum Concreten. Wenn wir von einer Tonfärbung unter Vermengung von Ton und Farbe oder von einer warmen, ſatten Farbe unter Vermengung von Gefühl und Farbe reden, ſo drängt ſich das offenbar Bildliche des Ausdrucks faſt ſchon der unmittelbaren Empfindung, wie viel mehr der Reflexion auf. Was aber der inſtinktiv ſchaffende Sprachgeiſt in den dunkeln Zeiten des Urſprungs der Sprache als feſtes Sprachgut gefördert hat, das gelingt dem bewußt ſchaffenden Dichtergeiſt wieder in Fluß zu bringen. Gerade auf dem Reichtum und der Originalität im Gebrauch der Bilder beruht mit das Geheimnis der Wirkung des Gedichts. Die Metapher ſagt Bieſe iſt kein Zierſtück, das der Dichter zur Verſchönerung wählt, ſondern wenn eben Inneres und AÄußeres zuſammenrinnen, klingt es im metaphoriſchen Wort ganz natürlich aus. Was die Sprache von Anfang an, in ihrer Grundwurzel, iſt, nämlich metaphoriſch, das iſt die Dichterſprache im beſonderen Maße. Auf der Metapher beruht die Pointe des Witzes wie der höchſte Schwung der Lyrik. Wenn wir die Geige ſcherzweiſe das Wimmerholz, den Cylinderhut die Angſtröhre, die Guitarre die Wehmutsſchachtel, das Telephon die Klapperſchlange nennen, ſo iſt hier derſelbe ſchöpferiſche Trieb thätig wie in dem Bilder⸗ reichtum der Sprache eines Lenau oder Hugo. Um ein Beiſpiel davon zu geben, wie ſich die unbewußte mit der bewußt ſchaffenden Schöpfungskraft begegnet, ſei an das Wort Seele erinnert, das aller Wahrſcheinlichkeit nach einem Stamme entſpringt, welcher mit See verwandt iſt und Bewegung bedeutet. Dieſer Gedanke kehrt in Goethe'sGeſang der Geiſter über den Waſſern wieder, wenn er ſagt:Seele des Menſchen, Wie gleichſt du dem Waſſer! Gerade Goethe war es, der jenen Einklang von Natur und Menſchenherz, welcher uns über einer einſeitigen Entwickelung unſerer poetiſchen Litteratur, ähnlich wie den Franzoſen bis auf Rousscau, ver⸗ loren gegangen war, wieder in ſeiner Tiefe erfaßt hat. Gerade darauf beruht das Stimmungs⸗ volle ſeiner Lieder und Naturſchilderungen, mag er nun in ſeinemÜber allen Wipfeln uns in wenigen Pinſelſtrichen ein Gemälde hinwerfen, oder in Werthers Leiden das Evangelium der Natur predigen oder den uralten Naturmythen nachempfinden in Verſen wie: Der Abend wiegte ſchon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht: Schon ſtand im Nebelkleid die Eiche Ein aufgethürmter Rieſe da, Wo Finſternis aus dem Geſträuche Mit hundert ſchwarzen Augen ſah. Allmählich verblaßt die Metapher, die Bildlichkeit des Ausdruckes entſchwindet unſerem unmittelbaren Bewußtſein. Aber was dadurch die Sprache an Friſche und Glanz verliert, gewinnt ſie an Klarheit, weil ſich zwiſchen Gedanke und Wort nicht länger das Bild drängt.

Das Geſchlecht. Eine weitere Aeußerung des poetiſchen Triebes der Sprache liegt in der Uebertragung des natürlichen Geſchlechts auf Sachen und abſtracte Begriffe. Daß eine Zeit, welche unſere großartige germaniſche Mythologie geſchaffen hat, den Drang in ſich fühlen mußte, nicht nur