Aufsatz 
Sprachgeschichte in der höheren Mädchenschule
Entstehung
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Takt voraus, um nicht in ſubjektive Liebhabereien oder gar Spielereien auszuarten, wo die Gefahr des Vordrängens ſubjektiver Anſchauungen im Gegenſtand ſelbſt liegt. Übrigens bei welchem Unterrichtsgegenſtand wäre pädagogiſcher Takt überhaupt unentbehrlich? Die Schule muß ſich damit begnügen, die Sprachgeſchichte als willkommenes Hilfsmittel zur Belebung einer an ſich trockenen Materie, der Aneignung des Wortſchatzes und dem Verſtändnis desſelben zu benützen. Einen kleinen Verſuch dieſer Art wagen die folgenden Seiten, bei deren Abfaſſung lediglich der praktiſche Geſichtspunkt maßgebend war, aus den oben erwähnten Hilfsquellen die für die höhere Mädchenſchule wichtigſten und intereſſanteſten Kapitel auszuwählen und ihre Behandlungsweiſe darzulegen. Schon dieſe Quellen mit ihrer Fülle gediegener Forſchung genügen aber, um das einſt wohl verzeihbare Wort von Voltaire zum Schweigen zu bringen:Die Etymologie iſt eine Wiſſenſchaft, bei welcher die Conſonanten wenig und die Vokale gar nichts zu bedeuten haben.

Die Metapher.

Jede Sprache iſt ein Wörterbuch erblaßter Metaphern. Dies Wort Jean Pauls führt uns zu der letzten und reichſten Quelle der Wortſchöpfung. Wie der Menſch die organiſche Einheit von Leib und Seele darſtellt, ſo bildet er ſich ſeine innere Welt und die äußere Welt zu einer analogen, idealen Einheit um, indem er dem Körperlichen Seele und dem Geiſtigen einen Körper verleiht. In den Worten Viſchers:Alle(Tropen und Figuren) dieſe Formen laufen darauf hinaus, die Körperwelt zu beſeelen und das Geiſtige zu verkörpern; ſie entſpringen in der Mannigfaltigkeit ihrer Wendungen alle dem Drange, Geiſt und Natur, die ſcheinbar weſentlichen Verſchiedenen, ineinszuſchauen, und ſo dienen ſie ſamt allen Formen des Symbols und Mythos, das Weltall als Eines vor Sinn und Phantaſie zu ſtellen. Die Sprache beſeelt das Tote, wenn ſie der Natur menſchliche Empfindung unterlegt: Der Sturm erhebt ſich und wütet, daß die Bäume ſich ächzend neigen; dann aber verſcheucht ihn der lachende Sonnenſchein und friedlich wiegen ſich wieder die Blumen im Winde und ſanftes Flüſtern geht durch die Zweige. Oder ſie überträgt auf die Natur die Bezeichnung von Körperteilen: Es ſchweift der Blick von der Höhe über hohe Bergesrücken bis hinab in die Schlünde am Fuße des Berges, in welchem reiche Metalladern ruhen und weiter bis zur Mündung des Stromes im fernen Meeresarm. Proſaiſcher klingt dieſe Übertragung in folgenden Wörtern: Flaſchenhals, Schlüſſelbart, Nadelöhr, Stuhlbein. Wie hier die Körperwelt beſeelt, belebt erſcheint, ſo umgekehrt wird das Geiſtige verkörpert, wenn wir abſtracte Begriffe nur durch ähnliche oder entſprechende Begriffe der ſinnlichen Welt wiederzugeben ver⸗ mögen. Und dieſe Anwendung des Bildes iſt die weitaus häufigſte, weil nur durch ſie die Welt uns gegenſtändlich wird. So gehen die elementaren Thätigkeiten des Geiſtes auf körperliche Thätigkeit zurück in Wörtern wie: faſſen, begreifen, wahrnehmen, ſich vorſtellen, ferner die elementaren Dispoſitionen des Geiſtes auf körperliche Dispoſitionen in: Kälte und Wärme der Empfindung, Feſtigkeit und Nachgiebigkeit des Charakters, Friſche und Trockenheit in der Auffaſſung. Wie ſich aber auf dem Gebiet der Natur und des Menſchen⸗ herzens, den bedeutſamſten und weiteſten Gebieten, die Durchdringung des Geiſtigen und Materiellen vollzieht, ſo ſtuft ſie ſich weiterhin in endloſen Vergleichungen und Bildern ab vom