Aufsatz 
Sprachgeschichte in der höheren Mädchenschule
Entstehung
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Sprachgeſchichte in der höheren Mädͤchenſchule.)

Es iſt ein bedeutender Fortſchritt in der Erkenntnis des Menſchen, daß man jetzt Sprachen lernt nicht bloß, um ſich den Gedankeninhalt, den ſie offenbaren, anzueignen, ſondern zugleich um ſie ſelbſt als herrliche, architektoniſche Geiſteswerke kennen zu lernen, und ſich an ihrer Kunſtſchönheit zu erfreuen. Dies Wort Gerbers iſt bis jetzt für die Schule immer noch nicht ganz Wirklichkeit geworden. Vielfach begnügt ſich noch der Sprachbetrieb mit der Über⸗ mittelung der Regel und des Wortſchatzes der Sprache, einerlei ob dabei die alte Methode des vorwiegend grammatiſchen Betriebs oder die neue Schablone des ausſchließlichen Converſations⸗ betriebs zu Grunde liegt.

Wie ganz anders, wenn der Schüler in der Sprache einen Organismus ſieht, in welchem, vielfach verdeckt und verdunkelt, aber dennoch unverloren und unverfälſcht ſein eigenes und ſeines Volkes Empfinden, ſeines oder des fremden Volkes Geſchichte lebt. Das wäre dann ein rechter Schatzgräber von einem Lehrer, der hier zulangte, und ſtatt einer Summe von toten Wörtern und Regeln Schätze der Erkenntnis aus der Tiefe der Sprachgeſchichte zu fördern ver⸗ ſtünde! Dann würde ſich das begeiſterte Wort von Trench erfüllen:Beobachte nur einmal deine Schüler, und achte auf das Leuchten ihres Auges, das Strahlen des ganzen Geſichts, die Anregung der erlahmten Aufmerkſamkeit, mit welcher ſie die beſcheidenſte Belehrung über Wörter, beſonders Wörter, die ſie täglich gebrauchen, beim Spiel oder in der Kirche, begrüßen! Die Kinder haben einen Sinn für das Wirkliche und Notwendige, und darum freuen ſie ſich, wenn ſie entdecken, daß auch die Wörter etwas Wirkliches und Notwendiges ſind, nicht willkürliche Zeichen, ſondern lebendige Kräfte, daß ſie Rechenpfennige für den Thoren, aber Geld für den Weiſen ſind, nicht, wie Sand am Meer, zahlloſe nebeneinander liegende Atome, ſondern daß ſie aus Wurzelſtämmen hervorgehen, ſich in Familien verdichten und verwachſen mit allem, was die Menſchen von Anbeginn der Welt bis heute gethan, gedacht und gefühlt haben. Doch keine Verſtiegenheiten! Jedenfalls ſetzt die ſchulmäßige Behandlung etymologiſcher Fragen pädagogiſchen

*) Anmerkung. Litteratur: Kares, Poeſie und Moral im Wortſchatz. Weiſe, Unſere Mutterſprache, ihr Werden und ihr Weſen. Harder, Werden und Wandern unſerer Wörter. Darmesteter, la vie des mots. Lehmann, der Bedeutungswandel im Franzöſiſchen. Trench, On the study of words. Bieſe, die Philoſophie des Metaphoriſchen. W. Wackernagel, Kleinere Schriften, Band III. Kluge, Etymologiſches Wörterbuch. Scheler, Dictionnaire d'étymologie française.