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moulin. Außerdem beugt die Lektüre der zweiten bis vierten Klaſſe einer Vernachläſſigung der
modernen Proſa vor. Die Poeſie kommt in einem ſtufenmäßigen Kanon zu leſender und zu lernender Gedichte zu ihrem Recht.
Während ſo der franzöſiſche Unterricht, ohne ſeinen eigenen Zwecken untreu zu werden, ſich mit dem deutſchen und geſchichtlichen Unterricht in ungeſuchter Concentration verbindet, liegen für den engliſchen die Dinge anders. Die herkömmliche Anlage deſſelben behandelt ihn bekanntlich ſehr ſtiefmütterlich im Vergleich zu dem franzöſiſchen Unterricht. Wenn ſich aber dieſe Bevorzugung des Franzöſiſchen auch aus der dominierenden Stellung Frankreichs in ver⸗ gangenen Zeiten erklärt, ſo dürfte denn doch nachgerade zu erwägen ſein, ob nicht die Reinheit und Gemütstiefe der engliſchen Litteratur gerade für die Mädchenſchule und die Bedeutung der engliſchen Sprache als Weltſprache für die höhere Schule überhaupt eine Verſchiebung zu gunſten des Engliſchen gebietet(ſ. Kern, Pädagogik). Vorderhand müſſen wir mit den Thatſachen rechnen. Da zwingt uns nun die dieſem Gegenſtand ſo knapp zubemeſſene Zeit zu einer mög⸗ lichſt intenſiven, in der oberſten Klaſſe möglichſt wenig ſtatariſchen Lektüre. Glücklicherweiſe er⸗ leichtert die verhältnismäßige Einfachheit der Grammatik dieſe Aufgabe. Nun kann man gerade aus den beiden Gründen, die für das Franzöſiſche eine Chreſtomathie wünſchenswert machen, ſie für das Engliſche entbehren.
Denn erſtens ſind die Cultureinflüſſe Englands auf Deutſchland nicht ſo unmittelbar greifbar wie die franzöſiſchen, ſondern vorzugsweiſe auf dem Umweg über Frankreich zu uns gelangt. Die engliſche Lektüre ſteht alſo dem deutſchen Unterricht— mit Ausnahme von Shakeſpeare— und dem Geſchichtsunterricht ſelbſtändiger gegenüber. Zweitens aber beſitzt ſie eine Anzahl kleinerer Werke des 18. und 19. Jahrhunderts, Cabinetsſtücke von mäßigem Um⸗ fang, die man nicht ohne Not in Bruchſtücken bieten ſoll.
Nach der Bewältigung der Elemente in der vierten Klaſſe kann in der dritten Klaſſe ein leichteres Büchlein ohne Schwierigkeit geleſen werden. Es wurde Dickens A child's history of England gewählt. Wortſchatz und Konſtruktion ſind einfach, und der Inhalt um ſo geeigneter, als die engliſche Geſchichte im Gegenſatz zur franzöſiſchen in den mittleren Klaſſen nicht behandelt wird und alſo eine allgemeine Einführung in dieſelbe beim Beginn des Engliſchen angebracht iſt. Daran ſchließt ſich eine klſeine Sammlung moderner Erzählungen aus dem Leben hervor⸗ ragender Frauen. In der zweiten Klaſſe folgt Robinson Crusoe(von p. 58, der Ankunft auf der Inſel, an). Warum eigentlich dies Buch, das die Familie noch heute trotz der Flut von Jugendſchriften gebührend zu würdigen weiß, von der Schule ſo vernachläſſigt wird, iſt nicht recht erſichtlich. Über ſeinen pädagogiſchen Wert iſt von Rouſſeau an bis auf Hettner und Will⸗ mann des Bedeutenden genug geſagt worden. Dann folgt W. Irving, Sketch-book(Rural Life in England— The Stage-Coach— Christmas-Eve, Rip van Winkle). Wenn auch die Sprache dieſes Werkes vielfach veraltet, auch der Wortſchatz nicht einfach iſt, ſo ſteckt in ihm doch ein ſolcher Kern von Leben und Poeſie, daß man ihm ſeinen alten Ehrenplatz in der Schul⸗ litteratur nicht ſtreitig machen ſoll. Hier kann man lernen, Thun und Treiben fremden Volkes ſo zu ſchildern, daß die poetiſche Einkleidung die Abſicht völlig verdeckt.— In der erſten Klaſſe


