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Herzog Ernſt bilden nebſt Abſchnitten aus den zwei nationalen Epen des Mittelalters den Leſeſtoff der zweiten Klaſſe. Dieſer ſeit Oſtern 1894 gültige Kanon deckt ſich zu unſerer Freude im Weſentlichen mit der in den Beſtimmungen vom 31. Mai 1894 für Preußen empfohlenen Auswahl.
Bei der fremdſprachlichen Lektüre ſind ganze Werke einem Auszug an ſich natürlich vorzuziehen. Trotzdem bietet ein geſchickter Auszug, der die nebenſächlichen Partien entſprechend kürzt, den doppelten Vorteil, daß der einheitliche Eindruck dadurch nur gewinnen kann und daß ferner durch den mit dieſer kürzeren Faſſung verbundenen Zeitgewinn Raum für eine vielſeitigere Lektüre geſchaffen wird. Aus dieſen beiden Gründen haben wir uns für das Manuel de littérature française von Plötz entſchieden. Die franzöſiſche Litteratur entbehrt in höherem Grade wie die engliſche allſeitig anerkannter Meiſterwerke von gleichmäßiger Vollendung in knappem Rahmen und die durch breitere Anlage gefährdete künſtleriſche Geſamtwirkung wird außerdem noch durch eine auf Wochen und Monate ſich verteilende Lektüre gefährdet. Ein diskreter Auszug beſeitig dieſen Mißſtand, vorausgeſetzt, daß bei Dramen und Erzählungen die mitgeteilten Stellen des Originals durch eine kurze Inhaltsangabe der ausgelaſſenen Stellen zu einem Ganzen verbunden ſind. Auch der zweite Vorteil einer Chreſtomathie, eine möglichſt vielſeitige Lektüre, iſt bei den ſeit dem 17. Jahrhundert von Frankreich her ununterbrochen und nachhaltig wirkenden Cultur⸗ einflüſſen für das Verſtändnis deutſcher Geſchichte und deutſcher Litteratur unentbehrlich. Die naturgemäße Concentration dieſer drei Unterrichtsgegenſtände vom 17. Jahrhundert ab iſt ohne ſie kaum erreichbar. Die praktiſche Durchführung der letzteren mag in allgemeinen Zügen im Folgenden angedeutet werden. Zunächſt werden unter Anlehnung an das mit 1648 beginnende Geſchichtspenſum und an die neuere deutſche Litteratur Auszüge aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. geleſen und zwar: 1. Fléchier, La mort de Turenne, 2. Mme. de Sévigné, Lettres, 3. Fénelon, Lettre à Louis XIV., 4. la Rochefoucauld, Maximes. Den Abſchluß bilden Auszüge aus Molière und Racine. Die bei dem letzteren Dichter zu berührende Lehre von den drei Einheiten (Notice sur les trois unités und V. Hugo, Préface de Cromwell) kommt der Lektüre der be⸗ treffenden Abſchnitte der Dramaturgie(46. Stück) und der Litteraturbriefe(17. Brief) zu gute. Daran reihen ſich Auszüge aus Montesquieu, Lettres persanes, ferner Beaumarchais, Mariage de Figaro, V 3. und Mirabeau, Sur la banqueroute unter thunlichſt gleichzeitiger Behandlung der franzöſiſchen Revolution im Geſchichtsunterricht. Dann folgen, unter Übergehung von Voltaire und Rouſſeau, für welche begreiflicher Weiſe das Leſebuch nichts ſonderlich Charakteriſtiſches bietet, ausführlichere Auszüge aus Thiers, um den bei den Napoleoniſchen Kriegen angelangten Geſchichtsunterricht zu unterſtützen. Mit dem zu Schiller und Goethe fortgeſchrittenen deutſchen Unterricht gewinnt ſodann der franzöſiſche wieder Fühlung durch ein trefflich ausgewähltes Kapitel aus Mme. de Staél, De l'Allemagne. Mit Auszügen aus P.-L. Courier und Sandeau, Mlle. de la Seiglière enden die Beziehungen zwiſchen dem Geſchichtsunterricht und dem fran⸗ zöſiſchen Unterricht. Da die fremdſprachliche Lektüre der beiden oberſten Klaſſen nicht ſtatariſch betrieben wird, bleibt noch Zeit für einen modernen Stoff z. B. Daudet, Lettres de mon


