Aufsatz 
Zur Lektüre der obersten Klasse
Entstehung
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Verkehrseinrichtungen u. ſ. w., ſind die Topographie von Paris und London für ſie etwas ſo Anregendes, daß man Dinge von bleibendem Bildungswert darüber in den Hintergrund drängen darf? Bietet ſomit die Landeskunde moderner Kulturſtaaten der Anſchauung nicht die rechte Nahrung, ſo fehlt für die Volkskunde die Würdigung der geſellſchaftlichen und politiſchen Einrichtungen der Jugend infolge mangelhafter Lebenserfahrung das nötige Intereſſe. Phantaſie und Gemüth gehen dabei leer aus. Geſinnungsſtoffe ſind das nicht. Wenn alſo die Realien keinen für alle Schülerinnen gültigen praktiſchen Wert, noch einen innerlichen Bildungs⸗ wert beſitzen, ſo ſtelle man ſie bei der Wahl der Lektüre nicht in den Vordergrund. Man über⸗ laſſe ſie dem geographiſchen und geſchichtlichen Unterricht und bedenke, daß wenn die Schule für das Leben vorbereiten will, ſie in der Lektüre auchLebensnahrung aus den Schriften der Klaſſiker der fremden Nation bieten muß und nicht deren Baedekerlitteratur. Daß die Reformbewegung, der wir dieſe ſtarke Betonung des modernen Elementes verdanken, übrigens auf allen Gebieten des fremdſprachlichen Unterrichts außer dem der Wahl der Lektüre, ſegens⸗ reich wirkt, wird kein Urteilsfähiger verkennen. In dieſem einen Punkt jedoch iſt ſie mit der einer jeder Reaktion eigenen kühnen Initiative übers Ziel geſchoſſen.

Die deutſche Lektüre der oberſten Klaſſe behandelt Maria Stuart als letztes der in der Schule zu leſenden Schiller'ſchen Dramen, ſodann Hermann und Dorothea. Dann folgt eine Auswahl aus der Odyſſee, welche endlich auch in der Mädchenſchule nun offiziell zur Geltung ge⸗ kommen iſt. An Vergleichungen zwiſchen dem epiſchen Stil der letzteren beiden Dichtungen fehlt es nicht, auch nicht an Anknüpfungspunkten an die deutſche Heldenſage, jene Poeſie der Treue, wie Uhland ſie nennt.(Penelope Gudrun Kriemhild.) Daran reiht ſich Antigone. Auch hier als ethiſcher Grundton des Weibes höchſte Tugend, Pietät. Nachdem wir ſo einige Meiſter⸗ werke Schillers und Göthes, die in moderner Anſchauung wurzeln, und einige aus der Litteratur der Alten geſondert betrachtet haben, folgt Goethes Iphigenie, in welcher ſich die Verſchmelzung der Antike mit dem modernen Weltbewußtſein vollzieht. Wenn wir ſo die wenigen Werke des Altertums, auf welche auch die Mädchenſchule nicht verzichten ſoll, in die Lektüre der modernen Klaſſiker organiſch eingegliedert haben, ſo mußte dafür dieſes oder jenes Werk des traditionellen Kanons wegfallen. Von Taſſo und Leſſings Nathan muß leider! abgeſehen werden, da dieſe Werke, um wirklich in Fleiſch und Blut überzugehen, bei nüchterner Erwägung doch wohl über die geiſtige Reife 15 bis 16jähriger Mädchen hinausgehen dürften. Dann käme zunächſt Wallenſtein in Betracht. Für ſchlechthin ungeeignet wird man dieſe Dichtung wahrlich nicht halten; allein wenn ſie geeigneteren Platz macht, fragt man ſich zum Troſte, ob wirklich das Intereſſe junger Mädchen an dem die Seele des Helden bewegenden Problem und an der großen politiſchen Aktion des Dramas bei einer ſich auf viele Stunden verteilenden Lektüre ſo vorhalt, wie dies wunderbare Werk es verdient. Für die Braut von Meſſina würden wir gerne Zeit gewinnen. Minna von Barnhelm wird kurſoriſch geleſen und zwar am Schluſſe, um nicht die innerlich verbundenen Stücke äußerlich zu trennen. Mit Cid macht die Litteraturgeſchichte bekannt. Auf Egmont Klärchen Götz von Berlichingen Adelheid verzichtet die Schule. Die drei übrigen Werke des üblichen Kanons: Tell, Jungfrau von Orleans und