Zur Lektüre der aberſten Klaſſe.
—.—
Da der Unterricht der oberſten Klaſſe den organiſchen Abſchluß der geſamten Arbeit der Schule bilden ſoll, ſo muß bei ſeiner Anlage dies Ziel ſtets im Auge behalten werden. Da gilt es nun, beſonders innerhalb des weiten Stoffgebiets der ſprachlich⸗hiſtoriſchen Fächer zu ſichten, denn Naturkunde und Rechnen mit ihrem auf dieſer Stufe der Mädchenſchule begrenzten Penſum bieten keine ernſteren Schwierigkeiten. Für die deutſche Lektüre hat ſich nun allmählich ein im Allgemeinen anerkannter Kanon herausgebildet, deſſen feſter Kern die Klaſſiker des 18. Jahrhundert ſind. Dagegen trägt die engliſche und franzöſiſche Lektüre noch vielfach den Charakter des Zufälligen und man ſucht vergebens nach dem für die Wahl maßgebenden Geſichts⸗ punkt. Freilich liegt hier die Sache auch nicht ſo einfach wie bei der deutſchen Lektüre. Denn erſtens tritt in der engliſchen und franzöſiſchen Litteratur an die Seite der Klaſſiker die moderne und modernſte Litteratur mit ihrem Anſpruch auf Berückſichtigung, und zweitens— dies iſt der Hauptgrund— dreht es ſich bei dieſer Frage um eine prinzipielle Verſchiedenheit der Anſichten von dem Zweck der fremdſprachlichen Lektüre. Wer als ſolchen in erſter Linie die Aneignung von Realien, die Einführung in das— ſagen wir kurz— moderne Leben anſieht, wird auch die Lektüre dementſprechend geſtalten. Er wird alſo die Landes⸗ und Volkskunde in den Vorder⸗ grund ſtellen. Wenn nun eine Einführung in das fremde Land als Nebenfrucht der Lektüre erreicht wird, ſo muß man ſie willkommen heißen und deshalb auch mit Maß und Ziel an⸗ ſtreben. Als ausſchließliche Norm für die Zuläſſigkeit dieſes oder jenes Schriftſtellers unterliegt ſie jedoch erheblichen Bedenken. Zunächſt haben dieſe Kenntniſſe ein aktuelles Intereſſe doch nur für die kleine Zahl derjenigen Schülerinnen, welche einmal in die Lage kommen, das fremde Land zu beſuchen. Für die große Zahl der anderen Schülerinnen müſſen wir uns alſo nach einem allgemeineren Anknüpfungspunkt ihres Intereſſes umſehen. Dabei drängt ſich die Frage auf, ob Anſchauung und Erfahrung der Jugend entwickelt genug ſind, um von dieſen Dingen wirklich einen dauernden Gewinn fürs Leben mitzunehmen. Die Anſchauung überhaupt läßt ſich wirkſam nur für denjenigen erſetzen, der der neuen Anſchauung eine reiche Fülle bereits ge wonnener als Apperzeptionsſtütze entgegenbringt, alſo für den Erwachſenen. Man wende nicht ein, dies Argument richte ſich gegen die Anſchauungsbilder überhaupt. Denn es iſt doch wohl ein Unterſchied zwiſchen den wenigen, großen Abbildungen des naturkundlichen Unterrichts und der Fülle von Material, mit welcher die fremdſprachliche Lektüre operieren müßte, um wirklich der Phantaſie die nötigen Anhaltspunkte zu geben. Ließe ſich aber ſelbſt die Anſchauung auch auf dieſem Gebiete erſetzen, ſo muß man ferner bezweifeln, daß die ins Einzelne gehende Landes⸗ kunde und zwar von Ländern, mit welchen Deutſchland ſchließlich auf der gleichen Kulturſtufe ſteht, einen nachhaltigen Wert für unſere Jugend hat. Sind die modernen Kaſernenbauten, die


