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Hiermit iſt übrigens inſofern ein kleiner Beitrag zur zeitlichen Fixierung der Odyſſee gegeben, als die Verſteinerungsfabel nicht freier Erfindung entfloß, ſondern durchaus lokalen Urſprungs iſt ¹). A priori muß ſich ja jeder die Sache ſo vorſtellen, daß irgendwo ein ſchiffsähnlicher Fels eine Lokalſage hervorgerufen hatte, die dann der Nachdichter benützte. Und zwar, da ſonſt der ſchiffsähnlichen Felſen ſoviele ſein mögen, als der Berge, die Hundsköpfe oder Katzen⸗ buckel heißen, wird das an einem ſolchen Lokal der Fall geweſen ſein, das bereits mit den Phäaken in Beziehung gebracht worden war. Wir kommen damit zu der zeitlichen Beſtimmung dieſes Einſatzes für die Verſöhnungswallfahrt, der an Jugend wohl nur von 23, 296 ff. übertroffen wird— falls er überhaupt einen anderen Verfaſſer hat. Der Erſatz konnte erſt eintreten, als Kerkyra für Scheria galt. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß die Odyſſee lange ohne dieſen und ohne jeden anderen Hauptſchluß geblieben iſt, nachdem einmal der Dichter alle die in mannigfachen Liedern erklingenden Sagen vom Odyſſeus durch einen einzigen Grundgedanken zu einer Dichtung zuſammengefaßt hatte. Ein ſolches aufs Ganze dringendes Poem verlangt ein beruhigendes Ende, das— wenn es das Volk befriedigen ſoll— ſo breit und behaglich ſein muß wie der jetzige Schluß der Odyſſee. Selbſtverſtändlich hätte auch der Dichter, ehe er die weite Wanderung vor⸗ gebracht hätte, etwas dem Schluſſe von 23, 296 Entſprechendes eingelegt, wenn auch keine Nekyia u. ſ. w., wie das O. Müller bereits(Griech. Litteraturgeſch. 1841, Bd. I, S. 104)— ohne Rück⸗ ſicht auf die Wanderung— verlangt.
Uns nun kommt es hier darauf nicht an, ob Scheria wirklich Kerkyra geweſen iſt in„Homers“ Gedanken, ob es überhaupt eine Inſel geweſen iſt, ja, ob es auch nur wirklich geweſen iſt, oder eine Phantaſie ²), ſondern nur darauf: von wann an die Einwohner und die Hellenen annahmen, daß es Scheria ſei. Die nächſtliegenden Zeugniſſe Thuk. I, 25(vautixih de al o*d SOsyet, zorty öre εααπυινιᷣ(subint. Kepzogatot)*x aæta iy T, Pax³oo νοεvοαμσοον vᷣ Kepapag X4O& Sbycy a e ras vade) und Kallimachos(nach Strabo VII, 3, 6) ſind reichlich ſpät. Wenn Weſtermann in Pauly s. v. vermutet, daß ſchon Heſiod einen Anteil an der Gleichung Scheria= Kerkyra gehabt habe, ſo würde das zu Heſiods ſonſtiger Richtung auf Harmoniſierung der Sagen paſſen ³). Weniger wahrſcheinlich, ja eine Art Hyſteronproteron iſt Prellers Vermutung, daß die Argonautenſage auf dieſe Identifikation von Einfluß geweſen ſei. Von da an ſtand die Sache ſo feſt für das ganze Altertum, daß noch der ſpäte Prokop ſagt: Totila's 300 oſtgotiſche Kriegsſchiffe ſeien bis zum Lande der Phäaken gelaufen, das jetzt Kerkyra genannt wird. Goten⸗ krieg IV, 22. Vgl. auch Pauſ. Perieg. II, 5, 2 und Orph. Arg. ſpeziell v. 1294 f.:
KépruHav Lad'Ev SElaeto, hv Gꝓpty Zvat„ ISpieg eipeoln al ναινα̈τκνο ασνεsτε Dalnae
¹) Ebenſo Sittl, Gr. Litt.⸗Geſch. I, 111. Derſelbe wird mit ſeiner Beanſtandung von Od. 11, 328— 384 ein Be⸗ weis dafür, wie auch Homeriſten, die keine Neigung zur Liedertheorie haben, der Interpolationsfurcht manchmal zum Opfer fallen.
²) Sei es des Dichters(ſo Preller), ſei es der Volksſage(Welcker, Müllenhoff), wiewohl deren Deutung auf das Totenſchifferamt durch Prellers Hinweis auf den ſonnig⸗heiteren Charakter der Phäaken völlig widerlegt iſt. Das einzige tertium comparationis iſt die ſichere Ueberfahrt vom Erdende aus.
²) Preller gibt mehrfach Beiſpiele derart aus den Eben. Ob aber Heſiod früh genug dichtete, um damit einer Lokalſage dieſes Inhalts zuvorzukommen?


