Aufsatz 
Das epische Thema der Odyssee und die Tiresiasweissagung / von Ludwig Schädel
Entstehung
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dies in ihren drei Momenten ſowenig, wie ihre Wiederanführungen 11, 113. 12, 141. Den Alki⸗ noos des Einſchiebers hindert das freilich am Geſchenke geben durchaus nicht, wie er ſich ja ſogar philoſophiſch kühl an der Ausſicht der böſen Folgen weidet.

Geradezu boshaft aber und vom homeriſchen Zeus ¹) nicht zu erwarten iſt der Rat, den er dem Poſeidon gibt, das Schiff, für welches 13, 25. 51. ihm geopfert ward, zu verſteinern; nicht zu erwarten von dem Zeus, der 5, 35 ſogar die Geſchenke für Odyſſeus als einen Beſtandteil der nolpa bezeichnet. Nein, dieſe ganze Scene, wodurch die Verſteinerung Folge eines göttlichen Zwiegeſpräches wird, kann ich nur eine überaus plumpe Nachahmung jener erſten Stelle eines Göttergeſprächs im In⸗ grimm Ilias VII, 445 ff. nennen*). Es iſt auch an ſich ſinnwidrig anzunehmen, daß Poſeidon, der hier gegen den göttlichen Bruder viel weniger Deferenz zeigt, wie in Ariſtophanes Vögeln, ſeine Strafe zeitlich in zwei Hälften zerſchneide, und den Phäaken Zeit laſſe, ihn mit einem für ſeine Zwecke auf⸗ fallend geringfügigen, nur einem armen Aöden imponierenden Opfer zu verſöhnen. Vgl. dazu Od. 8, 59. Daher kommt es denn auch, daß die Ausleger nicht wiſſen, ob im Sinne des Dichters Scheria war es nun Inſel oder Halbinſel mit Gebirg umzogen, oder ob die Strafe geſtundet ward. Dafür iſt Müllenhoffs Schwanken ſehr bezeichnend(Altertumskunde S. 47 und hernach die Note S. 498). Aber der Einſchieber hat dennoch ſeine guten Gründe, die in 13, 151. 152 und 1568 verbundenen Strafakte zu trennen, und nicht einmal, ob die Stadt dennoch umſchloſſen ward, ſicher zu ſagen, ſondern ſich dafür durch das Opfer vorſichtig einen Ausweg offen zu halten. Denn wie wenig in ſeinen Gedankenkreis eine wirkliche Umſchließung von Scheria paſſen könnte, wird der Schluß dieſer Abhandlung zeigen.

Auch iſt, was hinter der angefochtenen Stelle von der Phäakenſtrafe folgt, in der gegen⸗ wärtigen Faſſung gewiß nicht jedem Zweifel entrückt. V. 189 enthält einen natürlichen Grund und einen übernatürlichen für die Fremdheit der Gegend. Es iſt der Athenedichter, welcher auch 320 ff. eingeſetzt hat, und welchem nach v 341 vorzüglich die Harmoniſierung der Beſtrebungen unter den Olympiern für und gegen Odyſſeus am Herzen lag. Auch Teile wie 251 ff. ſind längſt und vielfach beanſtandet, denn einen ſo gemeinen Meuchelmord wie 267 ff. dürfte ſich der Odyſſeus des urſprünglichen Gedichtes unnützerweiſe wohl kaum beigelegt haben ³). Gewiß ſollen wir den Dichter weder mit unſerer Ethik noch mit der Logik des Kriminaliſten meiſtern, und ich ver⸗ ſtehe nicht, wie man) einen,Widerſpruch zwiſchen dem was Alkinoos rühmend erzählt 8, 557 und dem tapfern Rudern der Phäaken Od. 13, 78 finden wollte. Nur was dem einmal freigewählten Dichtungs⸗ charakter, und was den feſtgeſtellten Charakteren widerſpricht, iſt auszuſtoßen, wobei denn wohl zuzu⸗ ſehen iſt, daß der ganze Widerſpruch nicht aus mangelnder Anpaſſung des Erklärers entſpringe.

¹) Unſre Gottesvorſtellungen und unſre Humanitätsvorſtellungen, dazu mahnen ſchon Wolf und Spohn, müſſen wir beim Homer außen laſſen. Aber am Homer muß Homer gemeſſen werden. Mit ſeinem Sinne ſtimmt es z. B. nicht, daß Tele⸗ mach gerade den Amphimedon töten ſollte, der ihn gerettet hat, und der Penelopen vor allen lieb war. Dagegen verſtehe ich nicht, wie ſogar Nitzſch die reizende Mantelgeſchichte athetieren kann, welche die Schamhaftigkeit des feinfühlenden Gaſtes dem freigebigen Wirte gegenüber zeigk. Od. 14, 457 522.

²) Auch mit der Heliosſcene verwandt. Dieſe drei ſtellen ſich in eine Reihe.

²) Es lautet vielmehr nach einer Zeit, wo Odyſſeus ſchon der inventor und hortator scelerum der Römer ſein ſollte, von denen Juven. ſagt sat. XV, 14: attonito quum tale super coenam facinus Ulixes Alcinoo oder Ovid. Met. 14, 6: sua narret Ulixes, quae sipe teste gerit, quorum nox conscia sola est. Gleich üble Behandlung erfährt Odyſſeus durch den Proteſilaos des Philoſtratus, Heroicus fol. p. 717(ed. Kayser p. 313).

*) Homer. Realien I, 1, S. 270 und A. 8.