Aufsatz 
Das epische Thema der Odyssee und die Tiresiasweissagung / von Ludwig Schädel
Entstehung
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nur eben nicht vollendet, hieße ſich in ein asylum doctae ignorantiae begeben. Das geſuchte Land muß dem Dichter einigermaßen, es darf ihm aber nicht allzuwohl bekannt geweſen ſein. Wir müſſen es aus ſeinem ſonſtigen geographiſchen Horizont zu beſtimmen ſuchen. Daher tritt von vornherein das nördliche Europa, alles was jenſeits Thracien liegt, außer Spiel. Ueber die Kimmerier und Hyperboräer¹) hat Homer überhaupt keine beſtimmte, am wenigſten eine Vorſtellung ihrer Kultur. Nach Weſten hin iſt Sicilien erſt in o dem Bereich der Fabel entrückt, und eine Landwanderung ²) dahin iſt überhaupt, ehe der adriatiſche Golf durchforſcht war, nicht vorzuſtellen. Die Küſtenränder Vorderaſiens ſind dem Homer bekanntlich einigermaßen vertraut, was abgeſehen von allen Einzelſtellen aus der Weltbedeutung des phöniziſchen Handels hervorgeht. Profeſſor Kiepert äußerte zu dem Verf. der homeriſchen Realien:es ſei ihm nicht zweifelhaft, daß man in der ſog. homeriſchen Zeit in Lydien alſo wohl auch in Jonien, über Oberaſien beſſer unterrichtet geweſen ſei, als über den Weſten der Erde. Wenn aber Mene⸗ laos einen Panzer aus Kypros trägt, welches im äußerſten Winkel Vorderaſiens liegt, dann wird niemand an dieſen Küſten die das Meer und Poſeidons Gaben kennen oder in ihren nächſten Hinterländern ein ſalzloſes Land ſuchen wollen ³). Ueber Aegyten hat Homer noch viel deutlichere Kunde: verſteht man die Uebertreibung richtig, mit der Neſtor dem jungen Telemach 1 318 ff. imponieren will), und korrigiert man ſie an 14, 257: nerrratoy 8 Akfonroy Söpeirh kensoda, bedenkt man, daß Odyſſeus ſelber in ſeiner Nähe war, bei den Lotophagen, dann wird man immer weiter nach Weſten gedrängt auf der Suche nach dem ſalzloſen Land. In Aegypten ſchon finden wir den Brauch, daß die Prieſter kein Salz genießen, was Schleiden(abweichend von Hehn S. 13/4) irrig auf eine irritierende Wirkung des Salzes bezieht, während dies ein Anzeichen davon iſt, daß es einſt dort unbekannt war: der Prieſter ißt noch die uralte, von der Gottheit gelehrte Speiſe. Weſt⸗ lich hin wohnen die Lotophagen, die nur ſüße Frucht genießen als Vegetarianer: olr' Avètvov eldan 2509ty. Und noch bei Herodot haben ſie dieſes Gerücht IV, 177) bewahrt. Die ſpäteren Geographen Plinius, Mela, Skylax und Strabo(genauer dieſer: die Inſel Meninx⸗Djerba⁰); bei Buchholtz) ſetzen die Lotophagen an die Syrten, und ihre Nachbarn im Binnenland werden wohl vom Homer für ſalzlos Lebende gehalten worden ſein. Dies iſt hierfür unſer Ergebnis.

So ſoll alſo Odyſſeus alle dem Homer bekannten Völker des Oſtens und Südens) durch⸗ wandern, um überall den Poſeidon verehrt, ſeine Gaben bekannt zu finden), bis er im äußerſten 1NDs T7s hinter den am Meere wohnenden, aber offenbar ſalzloſen Lotophagen deren Binnennach⸗ barn findet, die den Poſeidon gar nicht kennen*). Wie ziemlich fügt ſich nun, nachdem Odyſſeus

¹) ogl. Müllenhoff, Altertumskunde und Buchholtz s. v.

*) Dieſer Begriff ſchließt natürlich die Ueberſchreitung von Flüſſen und Meerengen ſowenig aus, wie wenn es im kykliſchen Noſtos(Proklos bei Kirchhoff, Compoſition S. 92) heißt: Neoptolemos ſei ery von Ilium nach Thrakien gewandert.

²⁵) 5 83 gibt Menelaos Route. Memnon kommt nach Od. 4, 187. 188. 11, 522 von Aethiopien vor Troja. Daß die Küſte Vorderaſiens und Afrikas zuſammenhängt, war auch hierach demHomer bekannt.

*) Buchholtz I, 1, 368 verſteht ſie nicht richtig.

⁵³) Sie machen Wein daraus. Verwechſelung mit Lakbi(Dattelwein)?

³) Pauly Realencykl. s. v.

¹) Homers Welt hat keinen weſtlich und öſtlich geſchiedenen Norden und Süden. Daher ſind die weſtlichen und öſtlichen Aethiopen eins, wie Müllenhoff den öſtlichen Aeetes und das weſtliche Aeäa richtig zuſammenbringt. I. c. S. 53.

³) Selbſt die Skythen verehren ihn nach Herodot. 4, 59: IIoostdécv Gapthæodda.

²) Dies Land iſt auch rein theoretiſch zu finden= das zu Lande von Hellas weiteſt entfernte Gebiet.

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