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Odyſſee verliere gegen ihr Ende an Wert. Von den Neueren war Caſaubonus der erſte Zweifler ²) und— was auch ſonſt intereſſant— A. W. Schlegel in ſeiner homeriſchen Geographie. Wolfs Zweifel waren übrigens damals ſchon bekannt, und 1795 erſchienen die Prolegomonen. Wolf nennt p. 135 als einen Zweifler auch den Rapin²); aber er gibt gegenüber der Dacier'ſchen Verteidigung zu: nam de Odyssea, quod volunt, plane efficiunt. In hac suus quemque sensus docet, si extrema illa deessent, sollicitos nos abituros esse de Ulysse, tantarum difficultatum victore, quando- quidem ei tum maxime metueremus a parentibus et cognatis caesorum 108 nobilium juvenum, nisi amnestia et pax fieret deorum interventu et subita rxavf. Aber ſehr richtig entgegnet Spohn p. 260, daß dieſe von der Dacier verlangte, von A. Pope nachgeſprochene natural conclu- sion of the action durch Rhapſ. durchaus nicht erreicht werde, denn für 96 von den 108 Freiern konnte mit den Ithakeſiern keine Compoſition eintreten(vgl. 418) ⁵), und ich füge hinzu, wer kann von einer paisible possession de ses Etats ſprechen, ſolange Odyſſeus noch die unendliche Wallfahrt 23, 26 vor ſich hat ⁴).
Seit Spohns Schriften erſchienen, ruht auf dieſem Felde der Streit; ſein Nachfolger Lieſe⸗ gang bringt nur noch ein Spicilegium ⁵)
Auch ſeitdem hat jede genauere Beobachtung die Unbrauchbarkeit des Schluſſes der Odyſſee neu beſtätigt. Selbſt Nitzſch geſteht dies zu(Sagenpoeſie S. 129—131). Wir aber begnügen uns hier, den Einzelbeweiſen Spohns für die„Unechtheit“ des Schluſſes den Beweis aus dem Grundgedanken hinzugefügt zu haben, da unſtreitig der Dichter von 296 ff. keine Ahnung von einem anderen nötigen Schluß gehabt hat, und verwenden für uns Pope's Worte:„that what follows is part of the subject ofethe poem, and such a part, as, if it had not been related, would have given us room to have imaginated, that Homer had never finished it, or that the conclu- sion of it had been lost.“ Nur weiſen wir ſeinen Schluß ab:„consequently that book is not spurious, but essential“— und gedenken ihn durch einen bündigeren zu erſetzen.
Denn durch Rhapſod. 11 wird die Erwartung erweckt, daß Odyſſeus eine Wallfahrt zur Ver⸗ ſöhnung Poſeidons antreten werde und durch Od. 23, 267 ff. wird ſie aufs neue, da die Zwiſchen⸗ bedingungen erfüllt ſind, beſtimmter erweckt. Daß der betreffende Dichter eine Vorſtellung von dem, was nach dem Freiermord zu erzählen geweſen wäre, gehabt habe— wer wollte es leugnen? Eine myſtiſche Abordnung, dem Dichter wie dem Odyſſeus unverſtändlich, wird man nicht darin ſehen wollen, noch auch eine Entſendung nach Nirgendheim, 055abod ee arne! Der Sinn der Weiſung iſt vielmehr, zu Fuße ſolle Odyſſeus, das Ruder auf der Schulter, ein fernes Land, ein meditellium, würde Sextus Pomp. Feſtus ſagen, gewinnen, deſſen Einwohner Poſeidons Gabe,
¹) Spohn I. c. p. 2. 1
²) Genaueres bei Spohn. Noch exakter gibt übrigens Bernhardy l. c. die frühere Vorgeſchichte der Kritik des Schluſſes der Odyſſee. Hennings hat die pſychologiſche Begründung dieſes Schlußzuſatzes erläutert(vielfach mit Dacier'ſchen Gründen): Neue Jahrb. für Philologie XXXI. 1. 83. S. 89.
²) il n'y a plus rien à attendre(Daceria). Bei Spohn, wo die bez. Stelle aus A. Pope und der Dacier von p. 255— 258 nacheinander gedruckt ſind. cf. auch Spohn p. 3. 4.
⁴) Das meinen vielleicht Wolfs(aus der Vorr. von 1795) Worte: sed quocumque(bei Spohn 258) Odysseam loco finieris, multum ad exspectationem legentis, plurimum ad integritatem operis desiderari sentis. Aber ſeine Forderung beſchränkt er doch nur auf einen ergänzenden ſpäteren Rhapſoden.
⁵) Der anfängliche Vorſatz, über die geringfügigen Unterſchiede zwiſchen Spohn's beiden Schriften und über Lieſe⸗ gangs Beiträge hier zu berichten, iſt durch die Wahrnehmung, daß ſie alle im Handel nicht ſelten ſind, überflüſſig geworden.


