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Malalas ſich dabei als ein meiſt unſelbſtändiger Verwäſſerer zeigt, der(wie Goethe ſagt)„alles mit latſchem Fuße breit tritt“. Wir wiſſen, daß noch im 14. J. der griechiſche Dictys vorhanden war, und in dieſer Zeit auch den Deutſchen vermittelt ward. Von Dictys und Dares, bemerkt mein verehrter Freund Dr. F. Bender in ſeiner Geſch. der Griech. Litt. S. 67:„ſtammt eine ganze Familie mittelalterlicher Trojaromane ab.“
Der lateiniſche Dictys hat mit dem griechiſchen wenig mehr als den Namen gemein und— den euhemeriſtiſchen Standpunkt(deorum res gestae tribuuntur hominibus, Dederich), den ſich dann auch jene Byzantiner ſo gerne aneigneten. Aber ein beſtimmter Charakter iſt dem lateiniſchen dadurch aufgeprägt, daß er alles ſittlich Anſtößige aufs ängſtlichſte meidet, mehr noch als es z. B. unſer Aelian thut, verglichen mit dem aus den Fragmenten erkennbaren. Er begreift ſich neben dem gar nicht prüden Malalas als ein für Schulzwecke römiſcher Jugend hergeſtellter Auszug aus dem griechiſchen Original¹). Daher auch die Freiheit des lateiniſchen Ausdrucks, die un⸗ bekümmerte Bewegung einer nahezu ſelbſtändigen Schrift. Immerhin ſteht der Dictys nicht nur ſtiliſtiſch auch ſo noch hoch über dem ſchwachſinnigen trojaniſchen Kriegstagebuch des Dares, der ſelbſt die Finger der Polyxena ſchildert ²) und in ſeinen vorgeblichen acta diurna die Geſamtſumme der vor und in Ilium Gefallenen auf 1,562,000 berechnet.
Auch das Hervortreten kretiſcher Beziehungen ³) gibt dieſem ganzen Stemma Dictys— Joannes Antioch.— Malalas etwas Gemeinſames, und kommt dem Anſpruch kretiſchen Urſprungs für den Dictys zugute. Die Moralitätstreiberei und der kindiſche Euhemerismus⁴) des Malalas— der jedoch bei dem chriſtlichen Schriftſteller einer frühen Zeit begreiflich iſt— äußert ſich nicht nur in Vermenſchlichung der ſchönſten Götterſagen, ſondern auch in einer durchgängigen Naturaliſierung der Heroenthaten und aller heroiſchen Verhältniſſe. Und darin iſt ihm wieder Dictys vorangegangen. Die ganze Odyſſee iſt hier behandelt wie Blumauer den Vergil traktierte, und die Hoffnung, gute, auf die Quelle des alten Kyklus zurückgehende Nachrichten bei dieſen Spätlingen zu erhalten, würde trügen. Die voll⸗ ſtändigſte Ueberſicht dieſer durch Euhemerismus verblumauerten Odyſſee enthält— wenn auch kurz und knapp— das Heidelb. Fragment, das, wenn es nicht ein Stück des griechiſchen Dictys ſelber ſein ſollte, ihm ſicherlich am nächſten ſteht. Kirke und Kalypſo, Töchter des Atlas(Malal. Aeolus), ſind, die eine durch Zauber ⁵), die andre durch Heere mächtig⁰) und auf einander eiferſüchtig: es zeigt ſich hier ein proſaiſcher Zug zur Vereinfachung der Fabel. Sirenen, Scylla, Charybdis werden natürlich erklärt.— Dann fiſchen den verſtürmten Odyſſeus Phönicier im Meere auf, bringen ihn zum Idomeneus, und dieſer ihn zu den Phäaken. Alkinoos nimmt ihn großherzig auf,
*) Das zeigt ſeine komiſche Deutlichkeit, z. B. lanceam, quam ob tutelam sui gerere consueverat(Ulixes!) XV, 6.
²) Dieſe Schilderungen haben übrigens ihre Bedeutung für die bildende Kunſt; daher bei dieſen Schriftſtellern voll⸗ ſtändige, aber trockene Perſonalſchilderungen.
³) Menelaos— Idomeneus.
⁴) Dafür iſt der Stolz ein beſonderer Beweis, mit dem er die moraliſche Ausdeutung der in Tiere verwandelten Gäſte der Kirke vorbringt, als einen Triumph der Auslegung des Phidalius von Corinth. Uebrigens zeigen die Bildwerke gleichfalls verſchiedenartige Tiere, um anzudeuten, wie die Leidenſchaft den Menſchen in verſchiedener Art vertieren kann. (Baumeiſter s. v.)
*) Zauber— war nicht unglaublich!
³) Zu der Stelle 58 Ka*., 5OM KAnos AvCcv robrohs Sv 5NXotg SrökHvgsy, ds xαε ρον adiy y 1f AdeX,s bemerkt Buttmann latet in mendosis hisce αφραοο sive ⁸*eν eam fuisse sorori. Aber es genügt ꝓοv zu leſen(cavere).


