Aufsatz 
Das epische Thema der Odyssee und die Tiresiasweissagung / von Ludwig Schädel
Entstehung
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Ueber der Arbeit an der Ilias war die Zeit der erſten und zweiten Generation abgelaufen, als ein neuer Angriff A. Kirchhoff's erfolgte, der ſich diesmal auf die Odyſſee richtete. Zwar durchaus nicht im Sinne der Einzelliedertheorie, die von Köchly und Hennings ¹) auch auf dies Gebiet übergeführt ward, ich möchte es vielmehr die Schichtentheorie nennen, die er vertritt. Er hat bei genialen Meiſtern der Philologie auf verſchiedenſten Gebieten vollen Glauben gefunden: Bonitz feierte Kirchhoff's Schriften als den augenblicklichen Abſchluß der Forſchung. und Müllenhoff arbeitet mit ſeiner Nomenklatur. Abermals trat eine Gegnerſchaft hervor: Nitzſch's Anſichten verjüngen ſich in Lehr's, der ſogar metriſche Gründe für die Einheit der Odyſſee anführen ²) will, und in der von ihm bevorworteten Schrift von Kammer. Eine be⸗ freundete Richtung bildet die Kryſtalliſationshypotheſe*) aus, nach der ſpätere Nachdichter an den fertig vorhandenen Grundbau ihr leichteres Fachwerk anlehnen. Jenachdem man hier den Kryſtalliſationskern größer oder kleiner nimmt, nähern ſich die Vertreter den Unitariern oder den Prinzipien Kirchhoff's, oder ſelbſt Wolf's: prinzipielle Unterſchiede laſſen ſich hier kaum entdecken, da niemand eine erſt⸗ malige Selbſtändigkeit der Nachträge verteidigen will. Es wäre ſchwer, durchgreifende Unterſchiede zwiſchen Bergk) und Sittl, die ſich mehrfach als Freunde des Unitarismus gebährden, oder ſelbſt zwiſchen Düntzer und Kammer zu finden). Die grundſätzliche Uebereinſtimmung aller endet eben nur vor zwei quantitativen Fragen: 1. wie groß war der urſprüngliche Kern, 2. ſind die Nachträge Einzelarbeit, oder gruppenweiſe, von verbindenden Geſichtspunkten aus unternommen worden)? Mögen denn jahrhundertelang einzelne vöocror des Odyſſeus, vor allem landſchaftlich) verſchieden gefärbt, geſungen worden ſein, ein Epos wurde die Odyſſee erſt, als ein Dichter die Idee vom Zorn des Poſei⸗ don zum verbindenden Grundgedanken erhub, und die Rückkehr des Odyſſeus durch die Telemachie umſichtig vorbereitete. Auch dann noch mag das Ganze in ſehr verſchiedener Faſſung geſungen worden ſein, und man wünſcht etwas wie die früher angenommene Schlußredaktion unter Piſiſtratus herbei; aber dieſe iſt eine Fabel, und ſie über den Haufen geworfen zu haben, iſt ein entſchiedenes Verdienſt gerade von Unitariern ³). Ich möchte noch anführen, daß die unbekümmerte Weiſe der alexrandriniſchen Kritiker bei Unechterklärung von Verſen, wie ſie die Scholien uns zeigen, ein piſiſtratiſches Normalexemplar über⸗ haupt ausſchließt. Und was Herodot vom Onomakritos) erzählt, könnte unſer Vertrauen in eine von ihm bediente Konmüjſion eben nicht erhöhen.

) Sorfe von dem obengenannte L. Adam, beſonders in der unternehmenden Schrift, die oben citiert iſt.

²) Hiergegen hat v. Chriſt(Sitzungsberichte der Kgl. Akademie der Wiſſenſch. München 1879) geſagt: aus metriſch⸗ ſprachlichen Gründen und Anzeichen allein laſſe ſich ſo gut wie nichts über den Urſprung der homeriſchen Gedichte ſchließen. (S. 143). Gleichwohl hält er es, S. 168,nicht für zufällig, ſondern für ein Zeichen ſpäteren Urſprungs, daß in der kleineren Nekyia Od. 24, 1 204 nicht blos das Digamma oft abgeworfen iſt, ſondern ſich auch die unentſchuldigten und die durch das Digamma zu entſchuldigenden Hiaten ſo ziemlich die Wage halten. Vgl. auch S. 189 und das Verzeichnis S. 205.

³) Ausdruck Sittl's.

) Es wäre auch nicht ſchwer, zwei Hände in Bergk' Darlegungen zur Odyſſee(citteraturgeſch.) nachzuweiſen, eine, die unitariſch ſtrebt, und eine zweite, die polymeliſch athetiert!

) Der Dichter der Ilias iſt freilich der der Odyſſee nicht geweſen aus den bekannten kulturhiſtoriſchen Gründen.

¹) So kommt es, daß manche Forſcher von Verſchiedenen verſchieden rubriziert werden.

²) Man kann und muß in der Odyſſee jedenfalls kretiſche, lakedämoniſche und attiſche Einflüſſe unterſcheiden.

³) z. B. Nutzhorn. Vgl. auch Sittl I. c. p. 66. Wolfs Genie hatte etwas Derartiges vermutet, noch ehe Tzetzes gefunden war, wie Leverrier den Planeten Neptun vorausſetzte. Umgekehrt ſtehen die Lachmannianer zur Lommiſſion, z. B. Hennings; auch Kirchhoff inhomer. Odyſſee, Berl. 1879, z. B. S. 232. Heute noch L. Adam.

²) Herodot VII, 6(uxοtεν!