Aufsatz 
Das epische Thema der Odyssee und die Tiresiasweissagung / von Ludwig Schädel
Entstehung
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3.

Fehler, den Zorn des Achill und den des Poſeidon auf eine Linie zu ſtellen, d. h. denjenigen des Helden und den gegen den Helden? Deshalb nicht, weil der in der Ilias beſungene Zorn des Achill vom Zeus ſelbſt(dasolympiſche Element Nitzſch's, S. 160 ſeiner Sagenpoeſie) aufgenommen und um Thetis willen zu ſeinem eigenen gemacht wird. Wie hier, in der Ilias die Griechen alſn im Kampfe mit göttlichem Widerwillen geſchildert werden; wie in der Tragödie der Kampf mit dem Schickſale lege man es in, um oder über den Helden tobt, ſo haben nach Homer alle Kykliker den Helden im Zorne der Gottheit geprüft, und noch Vergil mußte ſeinem Aeneas eine zürnende Juno gegenüberſtellen. Einer der ſcharfſinnigſten Homerforſcher, und der überdies erſt nach anfänglichem Widerſtreben zu dieſem Ergebnis gelangte, Kirchhoff ſagt: dieſer Zorn des Poſeidon ſei ſchon im alten Noſtos Hauptmotiv ¹), und gerade dieſe geſchloſſene thematiſche Einheit der Odyſſee veranlaßte Bernhardy ſich auf die Seite der Chorizonten zu ſtellen. Gab es auch urſprünglich viel mehr Lieder vom Odyſſeus, als wir in der Odyſſee leſen, ſo haben doch nur die auf die ufvis IIooe:evos bezüglichen dem einenden Dichter gedient. Erſt neuere Kritik hat dieſe Einheitlichkeit der jetzigen Odyſſee im Poſeidonszorn angefochten, wohl gar wie L. Adam ²) in ſeiner raſchen Weiſe ein ganzes Bündel von rtwies darin entdeckt, und dann, nachdem der Haupt⸗ ſchlüſſel verdorben war, die einzelnen Gemächer des ſchönen Baues mehr erbrochen, als geöffnet. Aber auch abgeſehen von ſolchen immerhin vereinzelten Anfechtungen wird jene Einheit der Odyſſee insgemein mehr vorausgeſetzt als bewieſen, und auch eingehende Analyſen ³) heben den Richtgedanken der Odyſſee nicht genug hervor, als daß es überflüſſig wäre, einen Ueberblick ihres Inhalts zu geben, und damit den Beweis, daß der das Ganze ordnende Dichter den Poſeidonszorn in die Mitte gerückt hat, ſo fremd er auch immer den erſten Liedern von Odyſſeus geweſen ſein mag.

Aber zuvor zwingt mich der Ausdruck ordnender Dichter zu einer Bemerkung über die Gruppierung der Odyſſeeforſcher. F. A Wolf hatte ſein jacta est alea, ad quam certe non imparatus accessi (Proleg. p. 113 n) wie ein Imperator geſprochen, und ſein ſchöpferiſcher Gedanke ¹), die homeriſchen Epen könnten in ihrer gegenwärtigen Verfaſſung nicht aus einer Hand hervorgegangen, ſie müßten aus einzelnen Gedichten zuſammengeſtellt ſein, hatte wie es zu geſchehen pflegt die bedeutenden Philologen der nächſten Generation beherrſcht Welcker, Lachmann, Haupt hatten die Hypotheſe im einzelnen begründet und aus⸗ gebildet, bis in der Zeit unſrer politiſchen Reaktion, von den endenden 20 er bis 50 er Jahren eine Gegen⸗ ſtrömung auftrat. Sie lehnte ſich an engliſche Geſinnungsverwandte und an däniſche(Madwig, Nutz⸗ horn) an, aber die Schriften ihres Führers Gregor W. Nitzſch ſind ſchwerfällig und ermangeln jener ſcharfen Dialektik Wolfs und Lachmanns. Auch war der reichliche Gebrauch von Interpolationen) ein Verteidigungsmittel, welches den feindlichen Angriff nur ſtärkte und die Parteigrenzen verwiſchte.

¹) A. Kirchhoff, die Compoſition der Odyſſee, Berl. 1869. S. 91:Gerade dieſer Zorn des Poſeidon aber iſt im

alten Noſtos das Hauptmotiv. Es will dagegen nichts bedeuten, wenn H. Düntzer den Zorn des Poſeidon durch Inter⸗ polation beſeitigte.

¹) Beſonders in ſeinerOdyſſee und der epiſche Cyklus, Wiesb. Niedner. 1880. ³) Z. B. von Bergk, Nitzſch, Sittl.

) In dem trockenen Buche von Max. Sengebusch, Homerica dissertatio(pars II p. 87) iſt's eine der wärmſten Stellen: aut enim Prolegomena ipsa legisti, aut eo te adduci oportet, ut quam celerrime ad legendum accingaris.

) Ueber ihren anders gerichteten Landsmann Koes(commentatio de discrepantiis in Odyssea concurrentibus, Ilafniae 1806) ſ. Spohn in der noch zu erwähnenden Schrift.

*) Selbſt das Interpolationenverzeichnis Nitzſch's iſt nicht unanſehnlich. 1*