Aufsatz 
Das epische Thema der Odyssee und die Tiresiasweissagung / von Ludwig Schädel
Entstehung
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Wollte man von mangelnder Einheit der Handlung im Drama reden, ſo hieße dies noch eigentlicher, Fehlverſuche innerhalb der Regel ſtellen¹); aber eher ſcheint das Epos der eben geforderten Einheit entbehren zu dürfen. Gibt es nicht Epen, in denen ſtatt einer zwei Perſonen unſere ganze Teilnahme auf ſich ziehen? Allein es iſt zu erinnern, daß das Epos nicht eine Lebensgeſchichte, ſondern einen Aus⸗ ſchnitt derſelben, mit Erinnerungen zurück, mit Blicken nach vorn, darbietet, und innerhalb dieſes Aus⸗ ſchnittes kann wohl eine zweite Perſon ähnlich ſtark hervortreten: ſie bleibt doch nur ein in der eigent⸗ lichen Heldengeſtalt aufgehobenes Moment. Es gilt daher beim Epos vor allem die Betrachtungsſtelle zu ſuchen, von der aus der Dichter ſeinen Helden bewundert haben will, ob er ihn man denke an die epiſchen Verſuche über den großen Friedrich! als Eroberer oder als Friedenskönig gefaßt hat. Durch die Erfaſſung dieſes Leitgedankens, durch das Hauptmotiv) dringen wir zum Verſtändnis des Heldencharakters vor, und dieſer Leitgedanke adelt das Abenteuer zum Epos, es zugleich ſondernd von der Geſchichte*). Und wo das Epos durch ſcheinbare Doppelheit des Helden ſich zu verwirren ſcheint, da darf man nur den Leitgedanken des Dichters erfaſſen, um die volle einige Harmonie zu genießen. So wird Dorothea zur Folie für Hermann: er hat ſich ſo gezeigt, daß er ein ſolches Weib gewinnen darf, und der durch ſeine Werbung zur Mannesreife gelangende Hermann iſt der Held von Goethes bürgerlicher Epopöe.

Doch dies wird von der Kunſtdichtung gelten; aber verlangen wir nicht zuviel von dem alten) Volksepos der Hellenen, wenn wir auch da zum Heldenbilde ferner noch die einheitliche Hauptaufgabe des Helden ſuchen, das ihm obliegende Thema? Ohne Zweifel zuviel von den Sängern einzelner erſter Lieder, die gewiſſermaßen Novellen in Verſen bieten aber nicht zuviel von dem zuſammenfaſſenden ge⸗ ſtaltenden Dichter(vgl. Fr. Zimmermann, A. 2 dieſer Seite, S. 1093). Denn wenn Odyſſeus ſelbſt auch in der Telemachie(Od. B. 1 4 und 15) nicht auftritt, ſo füllt doch überall ſeine Geſtalt den Hintergrund wie ein rieſiger Orionsſchatten(Od. 11, 572), und das Ganze der Telemachie, wie die einzelnen Teile haben keine Seele(z. B. der Noſtos des Menelaos) ohne das Suchen nach dem Vater, und keinen Inhalt als die Vorbereitung des Freiermordes. Bekannt iſt die Kürze, in welche Ariſtoteles die einheitliche Fabel der Odyſſee zuſammenzog)(Poet. cp. 17, Schluß), aber doch hat er das Thema dabei zu berühren nicht vergeſſen: er wurde von dem Meeresgotte zurückgehalten, und in größter Beſtimmtheit erfaßten dieſes die großen alexandriniſchen Kritiker, wie uns der ſie benützende Commentar des Euſtathius) zeigt. Er rlisioa at öt, Ge Tdy doAACv Sv IMd⁴ ονυμμ☚υονααν,νGν ν oαἀa 1oO AAe«, 06 0 Xal e OQSbOoeixy Lers ara dSy Ilooεdvx uvlorne. Aber beruht es nicht auf einem logiſchen ) 3. B. die Handlungseinheit von Shakeſpeare's Cäſar zu beweiſen, wäre hier unnötig.

²) In der feinſinnigen, von Bernhardy gerühmten Abhandlung meines unvergeßlichen Lehrers Prof. Dr. F. Zimmer⸗ mann(im Jahrb. für ſpekulat. Philoſophie, Darmſt. 1847) findet ſich dafür S. 1093 der etwas deutbarere Ausdruck:indi⸗ viduelle Hauptbegebenheit.

³) Ariſtoteles in der Poetik c. 23, Anf. Aehnliches bei Sittl, Geſch. der griech. Literatur. Münch. 1884, I, S. 32.

¹) BXG 5 lαeερ οσνς AXOty 055v 5OXOTOPHRSVOV eploxsrat Tpänpa e Opon orhcee scßrepov. Flav. Joseph. Contra Apionem. ed. Richter vol. V, p. 172.

) Freilich noch kürzer Ovid. Trist. II, 375:

aut quid Odyssea est. nisi femina propter amorem, dum vir abest, multis una petita procis?

0) Unſeres Wiſſens iſt darüber keine Uebereinſtimmung vorhanden, ob Euſtathius die beiden größten Alexandriner ſelbſt geleſen hat. Pauly Realencyklop.(Bähr) s. v. Euſtathius nennt es kaum denkbar, daß er ſie nicht direkt benützt hätte; Nicolai nennt ſie unter ſeinen Quellen(Gr. Litt.⸗Geſch. III, 168) nicht. Sittl I, 147 N. 2 geſteht ihm wenigſtens Lektüre des Ariſtophanes zu, wofür ſich des Euſtathius Note zu Od. 1, 60 möchte anführen laſſen. Aber zu Od. 23, 296 ff. z. B. ſpricht Euſtathius derart von jenen, als ob er ſie nicht direkt vor ſich hätte, ſondern nur eine durch die koropla rcvynaxXatcoy vermittelte Kenntnis beſäße. Deutbare Stellen wie z. B. zu Od. 11, 223 können nicht dagegen entſcheiden.