Das epiſche Thema der Odyſſee
und die
Tireſtasweiſſagung. Von dem Direktor Profeſſor Dr. Ludwig Schaedel.
Inhaltsangabe:
Analyſe der Odyſſee zum Nachweis ihres einheitlichen Hauptmotivs in Poſeidons Zorn. Widerlegung der An⸗ nahme mehrerer phviss s. Aber Poſeidons Zorn ſcheint ſelbſt nicht ausreichend begründet. Daher vergebliche Verſuche ſpäterer Mythologen zu einer ſtärkeren Begründung„. Unechtheit der Stelle, wo die Erbarmungsloſigkeit des Zeus an⸗ ſtelle derjenigen des Poſeidon ſteht 1w. Nur des Letzteren Zorn alſo bedarf einer Verſöhnung. Bedeutung der Tireſias⸗ weiſſagung dafür u. Iſt dieſe Weiſſagung wirklich der Angelpunkt des Epos, dann kann der gegenwärtige Schluß der Odyſſee nicht dem Stamme der Dichtung gleichalt ſein 12(Geſchichte der Kritik dieſes Schluſſes). Noch weniger enthält die Telegonie und Verwandtes die Reſte der wahren Ueberlieferung über das Ende des Odyſſeus 13. Wie hat ſich denn„Homer“ die Erfüllung der Tireſiasweiſſagung vorgeſtellt? 1 Welches ſalzloſe Land kann er gemeint haben? Libyen iſt das einzig mögliche z0. Damit iſt auch die Entſtehung der Odyſſee zeitlich beſtimntt, als zwiſchen die erſte allgemeine und die beſtimmtere Be⸗ kanntſchaft der Hellenen mit Libyen fallend ao. Durch die Tireſiasweiſſagung wird die Fabel von der Rache des Poſeidon an den Phäaken hinfällig 21. Dieſe Fabel von der Schiffsverſteinerung, vermutlich einer der letzten Einträge in die Odyſſee, fällt in die Zeit der Gleichſetzung von Kerkyra und Scheria, d. h. um ein Menſchenalter nach 800 v. Chr. 24.
„So wenig wie den Naturwiſſenſchaſten, ſo wenig iſt der Philologie irgend ein Gegenſtand der Unter⸗ ſuchung ſchlechthin klein, er kann in ſeinen Beziehungen hohe Bedeutung erhalten.“¹) Hermann Bonitz.
Das lyriſche Gedicht hat ſeine Einheit in der Stimmung des Dichters ²), das Drama in einer ge⸗ ſchloſſenen Haupthandlung: in dem Charakter des Helden dagegen, erprobt in dem Gewühl bunteſter Erlebniſſe, hat ihn das Epos.
Wohl darf im lyriſchen Gedicht die Stimmung verklingen oder ſelbſt übergehen, aber dies Austönen muß ein allmähliches, der Uebergang ein ſanfter ſein, ſonſt fällt das lyriſche Gedicht hinüber ins Epi⸗ gramm. Wenn Heine ſo gern die Urſprungsſtimmung, ſeine und die dem Leſer mitgeteilte, aufhebt im jähen Bruch des Schluſſes, ſo hat er doch nur mit einer ſtilwidrigen Seltſamkeit ſein Glück gemacht ⁵).
¹) Abſchreckend kleinliche Homeriſten freilich— unverſpottet— bei Aul. Gellius Noctes Attic. lib. 14 cp. 6.
²) Sind von den Unſeren Goethe, Uhland, Lenau, auch Eichendorff durch die Stärke einheitlicher Stimmung un⸗ widerſtehlich, ſo von den Fremden Burns, Petöfi, Leopardi und Shelley— wenn auch die beiden letzten in großer Eintönigkeit.
²) Zwar hat Heine dieſe Weiſe durchaus nicht erfunden, ſondern nur virtuos abgeſehen; denn Uhland(„Winter⸗ reiſe“) und Goethe(„Selbſtbetrug“,„die Spröde“,„Vorſchlag zur Güte“; im weſt⸗öſtl. Divan:„ſie laſſen mich alle grüßen und haſſen mich bis in den Tod“)— haben die berühmte Heine'ſche Schlußfigur vorgemacht mit der Deutlichkeit eines Paradigmas. Von den älteren Vorbildern griechiſcher Lyrik, ſowie von Tibull und Martial(eben im Epigramm) ganz zu ſchweigen.
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