Aufsatz 
Plinius der Jüngere und Cassiodorius Senator : kritische Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien / von Ludwig Schaedel
Entstehung
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von Wieland rühmte. Im lib. de anima, ſogleich nach den Varien geſchrieben, nennt ſich übrigens Senator bereits senex(am Schluſſe). Ich beſpreche zunächſt ſeine religiöſe Stellung. Unter Theo⸗ derich erinnere ich mich nur einmal des Namens Christiani in den Varien 4, 22, öfter dagegen lectio divina= heilige Schrift: Es iſt begreiflich genug¹); wie er ja als Katholik auch das Wort Ariani nirgends in den Varien braucht; nur erſt unter Athalarich 8, 15 läßt er den König ſich bekennen quamvis de aliena religione. Gerne wählt er für Goten den zweideutigen Ausdruck gentiles; noch lieber ²) barbari. War doch Theoderich von ziemlich laxer Neligioſität: ſeine Nichte hat er dem thürin⸗ giſchen Heiden Hermenefried in Ehe gegeben³). In den theolog. Schriften zeigt ſich Senator dagegen von äußerſter Strenge des Standpunkts; freilich abhängig von ſeinen griechiſchen Quellen findet er im Satan die Wurzel des Arianismus, und die für den Glauben geſtorbenen Goten mag er nicht Märtyrer nennen. Immerhin bemerkt er, was für die Dogmengeſchichte ebenſo bedeutend wie meines Wiſſens neu iſt, die Goten hätten zwar die subordinatio filii geglaubt, den Sohn aber nicht für ein zrione gehalten: die berüchtigte unkirchliche Lehre des Arius. Auch unter Theoderich erkennen wir indes nicht nur die rückſichtsvollſte Behandlung der kathol. Kirche, deren ſich die gotiſchen Geſandten Totilas vor Beliſar rühmen (bell. Goth. II, 6, Dindorf p. 170), trotz kräftiger Strenge gegen Ausſchreitungen: auch an den gebräuchlichen Wendungen ille qui corda nostra regit 7, 34; deo nobis inspirante 5, 16(bei der Flottenſchöpfung!) fehlt es nicht. Aber über die kirchlichen Ehegeſetze hebt ſich der König gelaſſen empor und verſtattet nicht nur im Einzelfalle Ehe im zweiten Grade(consobrina), ſondern ſieht ſolche Ehen trotz des sacer Moses 7, 46 im Formulare vor). Allein nach Theoderichs Tode geht eine ſehr bemerkbare Wandlung mit Senator ich möchte nicht nur ſagen mit ſeinem Stile vor. Religiöſe Maßſtäbe treten herein. Der auguſtiniſche Begriff der gratia infusa klingt an 8, 9; der Geiſtlichkeit gegenüber wird Senator devoter..

Wenn derſelbe wirklich mit Senarius derſelbe iſt, dann wäre vor allem in ſeine Lebensgeſchichte die berühmteſte Geſandtſchaft einzuſchalten, die wir mit hiſtoriſcher Vermutung erreichen können. Ich meine nicht die überaus wahrſcheinliche an den drohenden Frankenkönig, ſondern diejenige, durch welche er in Spanien den Eutharich, den Amalerſproß, aufgefunden und ſeinen Umzug nach Italien bei Alarich II. erwirkt hat, vielleicht im Geleite der Theodigodo?) dahin gelangt. Jordanes erzählt die Auffindung in Ausdrücken), die ſie in ihrer Wärme als etwas Großes erſcheinen laſſen; und dieſe Stelle dürfte zeitlich ziemlich die letzte ſein, die er aus der Gotengeſchichte des Senator entnommen hat?). Senator ſtand aber dem Eutharich Cillica beſonders nahe: ihm hat er ſeine Chronik gewidmet, mit deſſen Konſulate ſchließt ſie(a. 519). Darum war Senator auch imſtande, Eutharichs Tugenden vor dem Senate zu preiſen, Var. 9, 25 und chronica ad ann. 514; aber dazu war er nicht fähig, die Herſtellung des Amalergeſchlechtes

nur lectione discens fertig zu bringen(9, 25), dazu war vielmehr eine Reiſe nach Spanien unentbehrlich. Den Ducatus, welchen 9, 25 erwähnts), deute ich auf Verwaltung einer durch feindliche Flotten bedrahten

¹) Die Katholiken uſurpierten damals für ſich allein den Namen Chriſten. Das zeigt u. a. auch Senators historia tripartita.

²) Notker überſetzt dann dies barbari ganz ehrlich heiden, wie er überhaupt die consolatio dem damaligen Verſtändnis zurechtlegt: triguillam prepositum domus= den fälenzcrauen triguillen u. a., lib. I, 21.

³) Dafür nimmt ihn auch die neueſte große Kirchengeſchichte Deutſchlands von Prof. Hauck in Erlangen.

¹) Die unbefangene Verwendung des ganzen Olymps verſteht ſich bei unſerem Rhetor von ſelbſt. Thorb. S. 48 bemerkt mit Recht, daß lib. de anima bereits die ſtrenge Richtung zeigt.

) ſ. die geneal. Tafel zu Dahn II, 116, wo auch des Anon. Valeſ. Irrtum berichtigt iſt.

3) cap. 58.

) Durch Hypotheſe gewann Schirren gar die Anſicht, Senator habe, um Eutharichs Auffindung zu rechtfer⸗ tigen, den gotiſchen Stammbaum erſt erſchaffen, den uns Jordanes bietet. Vgl. des ſoeben verſtorbenen A. v. Gut⸗ ſchmied Antikritik S. 135(Jahrb. für klaſſ. Philolog. 1862):von Schirrens Annahme, erſt Senator habe Eutharichs amaliſchen Stammbaum geſchmiedet.

³) Thorbecke erinnert S. 34, wie der Vater ſchon Statthalter geweſen.