Aufsatz 
Plinius der Jüngere und Cassiodorius Senator : kritische Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien / von Ludwig Schaedel
Entstehung
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Die Familien des Liberius und des Cyprianus bedeuten ſoſehr, was überhaupt von hervorragenden Romanen der Gotenherrſchaft ſich befreundet hatte, daß die Geſandtſchaft, welche Theodahad, Prok. I, 4, an Juſtinian abfertigte, aus einem Liberius und einem Opilio beſtand: der erſtere, X6 ro 0 21ε ⁄ε a eeiergyo«, erkennbar der Partei der gemordeten Amalaſuntha zugethan, der andere, wie ſein Vater, ein Goto-Römer der ſchärferen Tonart, ſelbſt Theodahads Herrſchaft vor der Amalerin halbbyzantiniſcher Politik bevorzugend ¹). Liberius geht dann verzeihlicherweiſe zu Juſtinian über ²), der die Blutrache für die Königin vorſchützte, und tritt als deſſen Feldherr in Sicilien auf. Wohl muß er damals ein Siebziger geweſen ſein, wie ihn ja Prokop 85 7τ015 nennt(bell. Goth. III, 39). Wie aber Juſtinian dazu kommen konnte, ihm Heerteile anzuvertrauen, dafür giebt Jordanes cp. 58 eine Spur, da nach ihm Liberius ein Gotenheer nach Spanien führte, woran ſich dann ſeine in den Varien viel erwähnte galliſch⸗ſpaniſche Verwaltung anſchloß. So iſt es merkwürdig zu beobachten, wie am Ende des Gotenreiches in Liberius und Opilio die Vertreter zweier hochangeſehenen Familien zugleich die beiden möglichen Stellungen gegenüber dem Gotentum darſtellen. Noch näher als die Decier wußte Theoderich ſich in Maximus das erſte römiſche Geſchlecht, die gens Anicia, zu verbinden, welche Rom ſelbſt mehrere Kaiſer gegeben hatte ³). Die Verbindung zwiſchen Aniciern und Amalern preiſt Jordanes§ 314: Germanus, der Sohn des Germanus und der Vitigeswitwe Mataſuntha, iſt all ſeine Hoffnung. Der in den Varien vorkommende Maximus war 4, 42 noch unmündig, als ihm Theoderich den väterlich ererbten Schauplatz im Cirkus wahrte. Er war dann Konſul 5283, iſt mit einer Amalerin vermählt, und Theodahad ent⸗ ſchuldigt ſich faſt, wenn er den Konſular hernach mit dem domesticatus abfindet: jedenfalls als einen zu guten Anhänger Amalaſunthas(Var. 10, 12). Er iſt es, den Beliſar(Prok. bell. Goth. I, 25) aus dem eroberten Rom verbannt). Es ſpricht nicht dagegen, daß Maximus ſpäter mit Beſſas flieht, Prok. III, 20, und daher IV, 34 von den Goten getötet wird. Denn Prokop pflegt neue Perſönlichkeiten eigens ein⸗ zuführen: er hat nur dieſen einen Maximus. Es iſt gar nicht zu verkennen, daß Senator adelſtolz iſt (S, 13), wenn ihm auch der Satz feſtſteht: doctrina ex obscuro⁵) nobilem facit, und darum, wie ſeine Vorrede es verſpricht, die vornehmen Geſchlechter in den Varien zu verherrlichen trachtet noch weniger aber, daß er den treugotiſchen Römern thunlichſt Ehrendenkmale ſetzt, und mancher ille atque ille mag bei ihm an die Stelle eines ſpäter durch Untreue geſchändeten Namens getreten ſein. Über ſeine Ver⸗ wandten Boethius und Symmachus ſchweigt er thunlichſt. Nicht was Boeth. prahlt(de consol. I, 4) über den Kampf mit dem praef. praet. berichtet er, ſondern was ehrenhaft von ihm in die gotiſche Sache ver⸗ flochten war.

Geiſtig am meiſten geleiſtet für die Gotenherrſchaft hat nach dem ewigen Denkmal der Varien unſtreitig Caſſiodor. Und ſo mag einiges dort niedergelegte und noch nicht erhobene Material hier Platz finden. Uſener(anecd. Hold., S. 68) vermutet, daß ſeine erſte Quäſtur ins Jahr 501 fällt; dabei geht er von der praef. praet. des Vaters aus, für die wir aber kein feſtes Datum, nur einen ter⸗ minus ante quem non haben; nach unſeren Darlegungen oben) dürfte jener Anſatz noch zu frühe fallen. Übrigens war auch er, wie er von ſeinem Mithelfer Felix ſagt, ein senilis juvenis, aber wie ſeine ſpaͤtern und ſpateſten Werke zeigen auch ein juvenilis senex, was beides Garlieb Merckel einmal

¹) Man wird ja mit der von Thorbecke S. 23 u. a. gemachten Unterſcheidung der gotiſch⸗römiſchen und rein gotiſchen Partei nicht ausreichen. Wie Opilio hat auch Caſſiodor gehandelt.

²) Auch Mommſen im index ſeines Jordanes identifiziert beide Liberii. Noch deutlicher wird die Klugheit des Juſtinian durch die Worte des Jordanes(Romana§ 385) quasi benivolus contra Totilanem Sicilia cum Liberio patricio properavit.

³) Daran erinnert auch Prokop bell. Goth. I, 25.

) DieſeVermutung(Dahn III, 273 Anm. 3) iſt durch Vergleichung der Prokopſtelle und Var. X, 12 Gewißheit.

) Moderne, unklaſſiſche Konſtruktionen finden ſich bei ihm vielfach.

*) S. 12. 14.

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