Aufsatz 
Plinius der Jüngere und Cassiodorius Senator : kritische Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien / von Ludwig Schaedel
Entstehung
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er über die nötige Zeit zur Ausfeilung nicht verfüge, doch darüber haben ſie ihn als über ein allgemein bekanntes und entſchuldigtes Faktum beruhigt¹). Der gewichtigſte Grund, den die Freunde anführen, muß aber in unſern Augen folgender ſein: wenn Senator die Wohlthaten der Könige nicht bekannt werden laſſe, ſo habe er ſie umſonſt befürwortet. Da erſt hiernach von der Beförderung einzelner Tüchtigen die Rede iſt, ſo iſt dieſer Satz wohl darauf zu beziehen, daß der Bevölkerung Italiens vorgeführt werden ſollte, was das Land den Gotenkönigen zu danken hatte ein an ſich Selbſtverſtändliches, wenn man den ganzen Lebenszweck des Senator in Rechnung zieht. Auch von den Varien gilt, was v. Gut⸗ ſchmied ²),der gefürchtete Kritiker, wie ihn Treitſchke jüngſt genannt hat, von desſelben Gotengeſchichte ſagt:wenn ein Staatsmann wie Caſſiodor ein Geſchichtswerk ſchreibt, ſo hat man alles Recht, Seiten⸗ blicke auf die Gegenwart und eine politiſche Tendenz zu vermuten. So begünſtigt freilich Senator ſelbſt dies allgemeine Vorurteil, als wären die Varien, wie Teuffel ſagt,eine Sammlung der von Caſſiodor in ſeinen amtlichen Stellungen verfaßten Schriftſtücke, während ſie in der That nur eine ziemlich künſt⸗ liche und berechnete Auswahl derſelben iſt²). Sie würde es aber in noch ungleich größerem Maße ſein müſſen, wenn ſich die Sammlung irgendwie gleichmäßig über einen 40jährigen Zeitraum hin erſtreckte. Mit dieſer falſchen Anſicht zu brechen, war ſchon vor 100 Jahren Ritter Du Buat auf dem Wege, als er die zum Teil treffende Bemerkung machte¹), daß bis 511 vieles von Senator geſchrieben ſei, nach dieſem Jahre aber ſehr wenig lund nach 515 gar nichts mehr]. Hoffentlich gelingt es mir darzuthun, 1. daß Senator nur den Höhepunkt der Regierung Theoderichs und die Schlußepoche gotiſcher Selbſtändigkeit unter ſeinen Nachfolgern, 2. und auch dies nur mit einer durch den Zweck des Ganzen bedingten Aus⸗ wahl dargeſtellt hat. Eine ähnliche Vermutung hat bereits Schirrenè) ausgeſprochen. Aber in vieler Be⸗ ziehung konnte er von Gutſchmied der Übertreibung) bezichtigt werden und iſt ohne Einfluß auf die allgemeine Anſchauung geblieben. Denn wenn ſich bei vielen Autoren die vage Wendung wiederholt, Caſſiodor möge in den Varien einiges ausgeſchmückt haben, ſo iſt damit weder Schirrens Stellung wieder eingenommen, noch auch das ſpezielle Verſtändnis der Varien weiter gefördert. Es hat ſich viel⸗ mehr das Geſetz aller Kritik auch hier wiederholt, daß einer Periode unbedingter Skepſis, ſobald dieſe in ihrer Unhaltbarkeit?) dargethan iſt, eine Zeit umſo unbedingteren Vertrauens folgt. Wir wenden uns zunächſt der Frage zu, von welchen Materien die Varien handeln, welche Anordnung ſie zeigen, welchem Zwecke ſie dienen, um dann auf einiges noch ungehobene geſchichtliche Material einzugehen.

Ein überblick über die Varien zeigt uns folgende Materien: die hohe Politik behandeln 14 Schreiben aus Theoderichs Regierung(d. h. aus B. 15), 4 aus Athalarichs; dagegen unter den Nach⸗

¹1) Es iſt nicht nur für Senator, ſondern für die ganze Zeit charakteriſtiſch, daß er nur bezüglich der formellen Ausarbeitung Bedenken empfindet. ²) Jahrbücher für klaſſiſche Philologie, 1862. ³) Einen indirekten Beweis dafür hat Mommſen in der Abhandlung über Caſſiodors Chronik durch den Nachweis erbracht, wie auch in dieſer vieles für die Goten in meliorem partem dargeſtellt iſt. ¹) Abhandlg. der bayer. Akad. der Wiſſenſchaften, München 1763. ) Schirren, De ratione, quae inter Jordanem et Cassiodorium intercedat commentatio, Dorp. 1858. Leider war dieſelbe mir nicht zugänglich, dagegen läßt v. Gutſchmieds Analyſe und Antikritik alles Weſentliche erkennen. Wie radikal Schirren vorgeht, zeigt, daß er Theodorich dem Gr. ſogar huniſche Abſtammung beimißt. Freilich ſagt Müllenhoff: Erelieva Mutter Theodorichs nomen esse Germanicum nemo probabit, S. 144 des Index I zu Mommſens Jordanes. 6)Schirren will Caſſ. got. Geſch. auf das Niveau von Rüxners Turnierbuch herunterdrücken. v. Gut⸗ chmied.. .) So ſehen Schirrens Aufſtellungen auch Wattenbach, Deutſchlands Geſchichtsquellen, Berlin 1866, Bd. J, S. 61 Anm. 1, Thorbecke, S. 54 f. und trotz II, 135 Anm. 1 im ganzen auch Dahn an. Seine Leiſtung mag deshalb dennoch mit Achtung betrachtet werden, wie R. Köpke es thut(Deutſche Forſchungen, Berlin 1859, S. 83). Auch Ebert(Allgem. Geſch. der Litteratur des Mittelalters ꝛc., Leipzig 1880) ſagt:Daß einzelne ſolcher Abſchwei⸗ fungen, erſt bei der Redaktion der Sammlung eingefügt worden ſind, läßt ſich keinesfalls leugnen. 1. Aus⸗ gabe, S. 487.