Aufsatz 
Plinius der Jüngere und Cassiodorius Senator : kritische Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien / von Ludwig Schaedel
Entstehung
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zutrifft. Gerade die Varien zeigen, in welch innigem Einvernehmen beide ſtanden; aber allerdings hat dies Verhältnis ſeine Geſchichte(ſ. A. 111). Von vornherein iſt es Thatſache, daß auch die gotenfreund⸗ lichen Römer in ihrem Verkehr unter ſich die Thatſache gotiſcher Herrſchaft und des Zuſammenlebens mit Goten thunlichſt verdecken, etwa wie unſere elſäſſiſchen Brüder heute. Wohl prahlt Ennodius mit ſeinem Verhältnis zu Theoderich ¹), zu ſeinen erſten Beamten; aber gotiſcher Glaube(nirgends Arianil), gotiſches Volk, gotiſche Sitte wird ignoriert. Wohl ſpottet er einmal über einen Römer mit gotiſchem Barte, carm. 2, 57; aber der Anonymus Valeſii,§ 61, überliefert uns u. a. auch von König Theoderich das gute Wort: Romanus miser imitatur Gothum, et vilis Gothus imitatur Romanum. Nirgends, als wo von der Landteilung die Rede iſt, geben uns die Ennodiusbriefe den Eindruck, daß hunderttauſende von Goten ein ganzes fremdes Volk unter den Römern lebten.

Es ſei mir nun zunächſt erlaubt, einer Vermutung einige Schritte zu folgen, die bei dem gegen⸗ wärtigen Zuſtand der Textüberlieferung der Varien nicht ohne Berechtigung iſt, und die das ſeltſame Schweigen des Ennodius über unſern Helden aufheben würde. Wir finden in den Varien einige Schreiben an einen zum comes privatarum ernannten vir illustris Senarius, Var. IV, 3. 4. 7. 11. 13. Hier hat die Genfer Ausgabe) an mehreren Stellen(bei 11 und 13 nicht) die Variante Senatori für Senario, an einer anderen(X, 28) übrigens Senatori für Honorio. Die alii, welche dieſe Variante liefern, wird uns erſt die künftige kritiſche Ausgabe kennen lehren. Der Genfer Editor wie ſein Vordermann Fornerius glaubt an ihr Gewicht, denn bei ep. 4 hat er gar die Marginalnotiz zu Senarium(Senatorium recte). Was aber jenem Senarius geſchrieben wird, das trifft freilich in einziger Weiſe 1V) auf unſeren Senator zu, und es liegt nahe anzunehmen, daß Senarius für Senator) in den Text gekommen iſt), da man dieſen eigentlichen Rufnamen des Caſſiodor nicht mehr erkannte und Senator nicht für einen Namen anſah. Dieſe Möglichkeit ſcheint aber dadurch ausgeſchloſſen, daß Ennodius einem ſonſt hiſtoriſch unbekannten hohen Staatsmann Senarius zahlreiche Briefe geſchrieben hat(ep. 30. 78. 116. 160. 171. 241. 273. 279. 294. 310. 383), der am Hof von Ravenna lebte und ein Freund des Fauſtus war. Und wiederum trifft alles Sonſtige bei Ennodius auf den Senator zu. Bei ihm findet ſich freilich die erwünſchte Variante Senator nicht, nur ep. 78 Sanarius. Und andererſeits ſcheint leider der Senarius des Ennodius eine weitere geſchichtliche Konſiſtenz zu gewinnen durch ein Epigramm in der Anthologia veterum Latinorum) von 18 Hexametern. Dies Epigramm(beginnend«ille ego sum mundi quondam sine fine viator) Senarius, membris tumulo, non nomine clausus») zeigt jedoch gar keine ſelbſtändigen Züge, ſondern iſt unter

¹) Soviel ich ſehe, an 8 Stellen, abgeſehen natürlich von den opuscula. Im Panegyr. legt er dem König das ſchöne Wort in den Mund, das der Bearner Heinrich wieder aufnahm: qui in hostili acie viam desiderat, me sequatur! Und: qui me de impetu non cognoverit, aestimet de nitore. Knapp, wie alle ſeine Königsworte!

²) Ich benütze diejenige(bei Gamonet) von 1556, die Dahn nach Bd. IV, S. 6, Anm. 1 nicht kennt, da er für das edictum Theoderici eine Pariſer Ausg. von 1579(erſt!) als princeps bezeichnet.

³) Bei Konjekturen für Namen muß freilich Müllenhoffs große Zurückhaltung im Regiſter zu Mommſens Jordanesausgabe zur Vorſicht mahnen.

4⁴) Es kann meiner Vermutung nur zur Empfehlung gereichen, daß, wie ich nach Feſtſtellung meines Textes gewahre, Köpke in denDeutſche Forſchungen, Berlin 1859, S. 85, auf die Identität ohne weitere Begründung in einer Anmerkung leicht hinweiſt: nur nach der ÄAhnlichkeit des an Senarius in den Varien Gefchriebenen und des über Senator Bekannten. Von der Variante Senator für Senarius in den Var. wußte auch er nicht. Eine Stelle der Varien I, 10 gewährt übrigens die Möglichkeit zu denken, daß Senarius urſprünglich ein ſcherzhafter Beiname des Senator geweſen iſt, senarium vero quam non immerito perfectum docta antiquitas definivit. Die Bezeich⸗ nungSechsfuß rechtfertigt ſich durch ſeine Ausſage in Var. 1, 4, daß die Caſſiodorii corporis proceritate floruerunt. Sidonius Apollinar. weigert ſich mit ähnlichem Scherz, ſiebenfüßige Verſe vor ſechsfüßigen Burgundern zu ſingen. Carm. XXIII..

) Cura Burmanni, Amstelaedami 1759, tom. I. pag. 318. Juretus in notis ad Symmachum lib. I, ep. 17 ſoll ausführlicher über dieſen Senarius handeln: es wird wohl auch nur eine Kombination aus Varien und Ennodius ſein! Burmann bemerkt: Carmen hoc habet Pithoeus lib. 3, p. 108.

) Ein Konſul namens Viator begegnet übrigens a. 495.