Aufsatz 
Plinius der Jüngere und Cassiodorius Senator : kritische Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien / von Ludwig Schaedel
Entstehung
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1)

8.

nach Inhalt noch Form irgend einen Anſtoß, daher wir uns begnügen, trotz der Dunkelheit bezüglich der äußeren Herkunft, eine Vervollſtändigung der Sammlung ſeitens eines Mannes anzunehmen, dem zwar vieles Einzelne des römiſchen Lebens ſeiner Zeit bekannt genug war, dem es aber an überblick und Urteil fehlte, und der die geſchickte¹) indirekte Verherrlichung des Kaiſers, die aus den wirklich gewechſelten Briefen hervortrat, mit plumper Hand ins maßloſe und unverſtändige ausführte: dieſelbe Verſchönerung, wie ſie Plinius mit ſeinen(uns verlorenen) Gerichtsreden nach ep. 9, 28 vorgenommen hat. Dabei an einen hochgebildeten Freigelaſſenen des Plinius zu denken, dem viele Forſcher²) bisher nur die Heraus⸗ gabe beimaßen, liegt am nächſten ³). Die ſchon im echten Grundſtock der Briefe vorliegende und von den Zeitgenoſſen gefällig durchſchaute Abſicht, den gütigſten und weiſeſten der Kaiſer auf Koſten eines anerkannt auf der Höhe der Zeit ſtehenden Mannes zu glorifizieren, mag ſpätere Zeiten abgeſchreckt haben und die Seltenheit der Handſchriften erklären. Jetzt entſpricht die Sammlung mehr der guten Tendenz als einem möglichen Sachverhalt, und neque enim historiam componebam, ep. 1, 1 paßt in dieſem Sinne auch hierher. Unſer 10. Buch aber mag die Gabe geweſen ſein, mit welcher der Freigelaſſene des Plinius, der ſeine Leiche von Bithynien nach Rom brachte, ſich dem Kaiſer empfahl. Über a. 113 hinaus haben wir keine Kunde mehr von Plinius, und vielleicht deshalb erwähnt ihn die Chronik des Caſſiod. Senator 11¹) zu dieſem Jahre: his coss. Plinius Secundus Novocomensis(aus Como) orator et historicus insignis habetur, cujus ingenii plurima opera extant). Dieſe Chronik iſt ſonſt ſo arm an Bezügen auf die Litteratur, daß ein veranlaſſender Beſuch Senators in Como, den Variae XI, 14 irgendwann vorausſetzt, wohl damals ſtattgefunden haben kann. Es iſt aber bekannt, daß die Briefſammlung des Plinius auf das ſpätere Altertum zeugend eingewirkt hat: ein direkter Nachkömmling iſt des Fronto Brieſwechſel mit Mare Aurel; ich nenne noch Symmachus, Ennodius und Sidonius mit je 9(10) Briefbüchern und Salvianus, der es wenigſtens auf 9 Briefe gebracht hat⁵). Sollte nicht auch Caſſidorius Senator, der den Plinius öfter namentlich erwähnté), Anregung und Vorbild ihm mit zu danken haben?

Senator. ¹¹)

Wenn ich damit von dieſem kritiſchen Prodromus zu meinem eigentlichen Gegenſtande, zur Be⸗ trachtung der zwölf Bücher der Varien übergehe, ſo iſt es weder meine Abſicht dabei ein Stück der oſtgotiſchen Staatsgeſchichte auf Manſos und Dahns Spuren herzuſtellen, noch auch durch Ausmalung von Senators Leben ein Duplikat zu verſuchen zu der Muſterbiographie des Hiſtoriographen der Univerſität Heidelberg, Auguſt Thorbecke; ſondern ich will zu beiden nur ergänzende Betrachtungen liefern. Die erſte Frage iſt die ſeltſame Iſoliertheit des Senator in der Litteratur?). Während wir uns Theoderichs d. Gr. Regierung, und faſt noch mehr die ſeiner Nachfolger ohne den Senator gar nicht vorzuſtellen vermögen, ſo wird ſeiner von den Schriftſtellern ſeiner Zeit faſt nirgends gedacht. Weder Boethius) nennt ihn, wo er im Kerker trotz aller Philoſophie den Feinden leidenſchaftlich zürnt und der Freunde gedenkt, noch Prokop, dem wir ſo manchen Namen gotiſcher Helden und römiſcher Gotenfreunde verdanken, noch was das Auffallendſte iſt Ennodius, der mit allen vornehmen Bekanntſchaften am Gotenhofe von Ravenna prahlt. Von dem knappen Anonymus

¹) Wenn z. B. ep. X, 31 auch Trajan einmal durch Plinius belehrt wird.

²) Hierin iſt Joh. Mar. Catanäus der erſte in ſeiner Vorrede an Ambroſius Maynus.

³) Mit beſonderem Rechte beſchränkte ſich der Überarbeiter darauf, die Antworten Trajans in größter Kürze zu geben, immer in dem aller Welt bekannten, auch durch eigentümlichen Wortgebrauch charakteriſtiſchen Stil des Kaiſers.

¹) Mommſen, Die Chronik des Caſſiodor, S. 636 der Abhandlungen der kgl. ſächſ. Geſellſchaft der Wiſſen⸗ ſchaften. VIII. Philol.⸗hiſt. Kl. III. Leipzig 1861.

⁵³) Schon ein Diktum des 15. Jahrh.(bei Keil praef⸗ p. XVI) ſtellt zuſammen Plinium, Ausonium, Simacum vel Ennodium. Auſonius hat ſich übrigens von der klaſſiſchen Zahl emanzipiert.

6) Var. 8, 13: redde nunc Plinium et sume Trajanum sqq. und in der Chronik.

*) Eine allgemeine Kenntnis der Zeit ſeitens des Leſers ſetzen die folgenden Unterſuchungen voraus.

³) Dieſe Schreibung, beſſer durch Inſchriften bezeugt, wird von Uſener, Anecdoton Holderi, Bonn. 1877, S. 43, mit der Erinnerung an die griechiſche Stammform00s geſtützt.