Aufsatz 
Plinius der Jüngere und Cassiodorius Senator : kritische Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien / von Ludwig Schaedel
Entstehung
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Jucundus Veronenſis benützte. Wer dem Aldus als Pliniusherausgeber zeitlich folgte, hat nach Orelli und Keil ſtets nur die Aldina benützt. Und ſo verſchwand alſo die handſchriftliche Grundlage mit der⸗ ſelben kometenhaften Plötzlichkeit, wie ſie erſchienen war. Es iſt, als wäre ſie nur aus der Nacht der Jahrhunderte emporgetaucht, um, einmal im Druck verewigt, für immer zu verſchwinden, und wir dürfen Friedr. d. Gr. Wort an d'Alembert(26. Jan. 1772) hierherziehen:dieſer Plinius iſt nirgends. Freilich wahrt ſich Catanäus das traurige Vorrecht ſeiner Landsleute, die italieniſche Prahlerei in der Form des Handſchriftenſchwindels zu üben und ſtellt der galliſchen Hſr. eine deutſche gegenüber, dem Jucundus ſeinen Mamilianus ¹), in der Ausg. von 1518. Seinen vorgeblichen«vetustissimus codex germanicus» vermag ich jedoch nicht nach Keil mit dem oft genannten franzöſ. Mſkr. für identiſch zu halten. Er iſt vielmehr frei erfunden nach dem deutſchen Tacitusfunde, der 1508 aus Corvey nach Rom gekommen war.

Sonach beruht die Überzeugung, es ſei eine ältere Hdſchr. des Plinius(Buch 10) aufgefunden worden, für uns auf der Verſicherung eines einzigen Mannes, der ſie wirklich geſehen, eben des Jucundus. Oder darf jener Budäus als ein zweiter ſelbſtändiger Zeuge angeſehen werden?«Codice usus erat Gul. Budaeus?»(Keil XXIII.) Ihn führt in dieſem Sinne ſchon Maſſon an, Vita Plinii p. 87, nota b. Es wäre ein ſtattlicher Zeuge, dieſer Mann aus alter Pariſer Archivarfamilie, von ſtaunenswerter Be⸗ leſenheit in den Klaſſikern. Praefectus scriniorum, qui thesaurarius chartarum nunc dicitur. quo munere avus olim meus Draco Budaceus et deinde pater functi sunt, nunc vero frater meus nomine Draco», fol. LXXV. Ausg. von 1508. An zahlloſen Stellen citiert er die Briefe des Plinius Junior, fol. 22. 31. 33. 46. 48. 50. 52. 53. 56(zweimal). 73. 77. 83. 88. 96. 108. 136. 149. 154. 166 ²). Vor allem erwähnt er auch häufig den Briefwechſel des Plinius mit dem Kaiſer)(fol. 33. 47. 50. 54. 71. 72. 74. 75. 76. 109. 124. 167). Mehrmals beruft er ſich auf eine epistola manu scripta des Plinius, quae vulgo non reperitur(fol. 54. fol. 33 die auch bei Keil gegebene Hauptſtelle fol. 74) oder er ſagt in libris integris(fol. 124), unterſcheidet auch fol. 50 die gedruckten Lesarten und den wirklichen Text: quae verba corruptissime vulgo leguntur, fol. 50. Allein folgende Umſtände verhindern uns, den Budäus als einen zweiten Zeugen anzuſprechen. Er ſchrieb ſeine Vorrede«pridie nonas Novembris» 1508, und der Brief des Aldus, worin er ſagt, der Codex ſei von Mocenigo nach Italien gebracht, iſt gleichfalls November 1508 datiert. Budäus läßt uns aufs präziſeſte glauben, die von Jucundus ge⸗ fundene Hdſchr. ſei noch in Paris(auch Anno 1516 ſagt er noch habemus Plinium), und Aldus will denſelben damals ſchon und ſpäter in Italien haben. Es bliebe etwa übrig anzunehmen, Aldus habe nur eine Abſchrift gehabt und unermeßlich gelogen; allein dann wird bei der durch Franz I. trefflich geord⸗ neten Archivverwaltung das Verſchwinden der Hdſchr. aus Paris um ſo unbegreiflicher. Nach alledem werden Kenner beider Forſchungsgebiete zugeben, daß man dem 10. Buche der Pliniusbriefe nur Glück wünſchen kann, ſich nicht im Neuen Teſtamente zu befinden: vor dem Scharfblick unſerer Kritiker würde es alsdann wohl aus äußeren wie aus inneren Gründen nicht beſtehen).

Und wer wollte dem Zeitalter der Humaniſten, auch ohne Harduins Geſchäfte wieder aufzunehmen, die Fähigkeit abſprechen, das Latein des 10. Buches herzuſtellen? Aber doch, es iſt nicht denkbar, daß ſelbſt dem gelehrteſten Humaniſten eine ſo gewagte Fälſchung hätte glücken können. Gewiß hat Plinius mit ſeinem kaiſerlichen Gönner im Briefwechſel geſtanden, eine ganze Reihe ſeiner Briefe gewähren weder

¹) Ohne Arg bemerke ich, daß gerade dieſer Name auch Plin. ep. 9, 16 und 9, 25 begegnet.

²) Häufig auch den Panegyricus fol. 27. 28. 48. 70(zweimal). 73. 88. 109(zweimal). 118. 168.

³) Ein ſeltſamer Druckfehler ſteht fol. 60 cxPlinius ad Adrianum.

) Diejenigen, welche ſich auf die Stelle des Apollinaris Sidonius berufen wollten: addis et causas, quibus hic liber nonus octo superiorum voluminibus accrescat: eo quod C. Secundus(= Plinius), cujus nos orbitas sequi hoc opere pronuntias, paribus titulis opus epistolare determinet(lib IX. ep. 1), hat Mommſen mit der Bemerkung zur Ruhe verwieſen, ein ſolcher Zeuge ſei kaum beſſer als gar keiner. Aber da Sidonius jedenfalls bis 10 zählen konnte, ſo iſt es beſſer, ſich auf die geſonderte Ausgabe von lib. X. zu berufen. Auch in des Symmachus Brief⸗ ſammlung tritt den 9 Büchern Briefe ein zehntes hinzu, welches Staatsſachen enthält.(So auch Döring, S. 383.)