Aufsatz 
Plinius der Jüngere und Cassiodorius Senator : kritische Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien / von Ludwig Schaedel
Entstehung
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großen Verfolgungen bisher unterſucht haben, aber Semlers ganze Kritik hat alle Mängel des Ratio⸗ nalismus: Beweisführung aus Gemeinplätzen. Wie aus dieſem Briefe eine ganze und eben dieſe Samm⸗ lung habe erwachſen können an dieſe Schwierigkeit hat er mit keinem Finger gerührt; und hätte wirklich Tertullian den Brief geſchrieben, woher wäre dem guten Punier hier das reinere Latein ge⸗ kommen, und warum fänden wir in der Fälſchung nicht auch das quibusdam gradu pulsis des Apolo- geticus wieder?

Wenden wir uns zu der Herkunft dieſes 10. Buches, ſo müſſen wir ſagen, die einzige Handſchrift, die uns dasſelbe überlieferte, hat nur ſechs Jahre auf Erden geweilt, nur ein Zeuge hat ſie ſicher ſelber geſehen und abgeſchrieben und die weiteren Zeugen für ihre Echtheit ſind von nicht unbedenklicher Be⸗ ſchaffenheit. Das Beweismaterial dafür entnehmen wir vor allem Keils Ausg. und ſeinem Vorgänger J. C. Orelli. Pleraque, ſagt Keil praef. p. 37, ex his quae dixi J. C. Orellius in historia critica accurate exposuit. Der humaniſtiſche Eifer ließ um die Wende des 16. Jahrhunderts mehrere Aus⸗ gaben der plinianiſchen Briefe reifen ¹1). Aber noch im Beginn des neuen wußte man nichts von einem 10. Buch der Briefe. Da erſchien 1502 die Ausgabe des Veroneſen Hieron. Avantius, welche die Briefe des 10. Buchs zum Teil(41122) enthielt. Die Weglaſſung der übrigen weiß man bis jetzt nur aus negligentia scribae zu erklären, da wir Spuren eines codex mancus nicht haben. Aldus und Budäus haben ſchon alle Briefe.(ſ. u.) Die Avantiana iſt jetzt ſehr ſelten, ſchon Longolius hatte ſie nicht unter ſeinem großen Apparat; ſie findet ſich aber in einem Exemplar auf der Münchener Bibliothek, und die von Avantius bei ihrer Herſtellung benützte Abſchrift war aus einer vollſtändigen, alle unſere Briefe des 10. B. umfaſſenden Matrix hergeſtellt, wie Keil(praef. p. 35) aus der Numerierung der Briefe darge⸗ than hat. Peter Leander, erzählt Avantius, habe ihm aus Gallien die Hſr. gebracht; daß nicht dieſer ſelbſt, ſondern ein gewiſſer Jucundus(gleichfalls aus Verona) der Auffinder war, bezeugt beſſer als das bekannte Widmungsſchreiben des Aldus Manutius ²) der Pandektiſt Guil. Budeus ³), der den Jucundus einen sacerdos, homo antiquarius und architectus famigeratus nennt. Acht Monate nach dieſer erſten erſchien die Ausgabe des Beroaldus, der auch 4 Jahre zuvor das Neunbücher⸗Buch herausgegeben hatte, und jetzt die neuen Briefe dem Avantius nachdruckte ¹). Dann druckte Catanäus 1506 einfach die Avantiana nach ohne nur die Beroaldina einzuſehen, ut constat ex hujus aliquot erroribus repetitis, quos si unquam Be- roaldinam vidisset, certe sustulisset(Orelli I. s. c. p. 4). Catanäus ſieht ſich ſchon genötigt, den neuen Fund gegen die maledici zu verteidigen, weil das Hſr.⸗Explr. freilich nicht alt ſei, das zu Grunde zu legen er ſich den trügeriſchen Anſchein giebt(Orelli), und durch zahlreiche(oft geiſtreiche) Konjekturen hat er den Text verderbt. Keil will ihm beſtenfalls eine neue Abſchrift von des Avantius Vorlage zugeſtehen trotz ſeines Prahlens mit multa vetusta exemplaria(praef. p. XXI).

Erſt das Jahr 1508 brachte einen vollſtändigen Abdruck aller 121 Briefe, der gelehrten Welt mit allen Mitteln der Reklame empfohlen. Ihr Herſteller Aldus Manutius behauptet in ſeinem Widmungs⸗ brief an den venetianiſchen Nobile Mocenigo, er habe die ganze, ja die aus Plinius Zeit herrührende Handſchrift gehabt(ut putem scriptum Plinii temporibus). Mocenigo habe ihm dieſelbe aus Frank⸗ reich gebracht; aber ſchon 2 Jahre früher habe ihm jener Jucundus eine Abſchrift verſchafft: womit ſich Aldus offenbar das Primat vor ſeinem Verwandten Catanäus wahren will. Allein Keil ſtellt aus der

Vergleichung der Texte feſt, daß Aldus nur für die neuen, noch nicht edierten Briefe eine nöſihrilt des

¹) Die Fülle derſelben zeigt z. B. Fabricius, Bog. 5, 2 bei dem Longolius.

²) Dasſelbe geben z. B. Longolius, Orelli, Keil.

³) So ſchreibt er ſich neben Budaeus in der Vorrede von 1508; Keil konnte nur die von 1516 benützen (praef. p. XXIV). Annotationes Guilielmi Budaei in quatuor et viginti Pandectarum libros. Paris 1508.

4) Es iſt für die Verbindungen der Fachdisciplinen intereſſant, daß Orelli die Beroaldina(im Januar 1502 erſchienen) für älter hielt, weil die Avantiana erſt im Mai 1502 auftrat. Allein er geſteht, daß ihm die Thatſache nicht erinnerlich war, wie die Republik Venedig bis zu ihrem Untergang ihr Jahr noch vom 1. März bis letzten Februar zählte; ſo daß freilich die Avantiang um 8 Monate älter iſt. Vgl. Leiſt, Urkundenlehre,§ 79.