So kann Trajan ſein«te in istam provinciam missum, quoniam multa in ea emendanda apparueruntꝰ, ep. 32(41), gewiß nicht gemeint haben.
Zu dieſen Schwierigkeiten des Inhalts, deren Arten ich damit nur andeute, nicht erſchöpfe, treten äußerlichere, die aber dieſer Korreſpondenz etwas Schemenhaftes geben. Gottfr. H. Schäfer), ein ſehr guter Pliniuskenner, ſetzte 18 Monate für die Dauer von Plinius' Statthalterſchaft an, Mommſen hat a. a. O. dagegen unzweifelhaft Sept. 114 bis Jan. 113 bewieſen. In dieſer Zeit hat Plinius etwa 46 Antworten Trajans auf Briefe erhalten. Allein von einem Briefwechſel in dem Sinne, daß erſt nach Erledigung des vorigen Schreibens ein weiteres entlaſſen wurde, kann bei der Entfernung Bithyniens und jener Kürze der Zeit natürlich keine Rede ſein. Wir haben allerdings keine Anhaltspunkte dafür, wie⸗ viele dieſer Briefe etwa gleichzeitig unterwegs waren; auch nicht einmal eine Anſpielung auf dieſen Sach⸗ verhalt findet ſich, wiewohl öfter auf einige Briefe des Untergebenen nur eine Antwort je auf einen Be⸗ treff erfolgt. Man wird bemerken, daß der Eindruck, den Mommſen“*²) ſo ſcharf ausſpricht(das Ganze erwecke eher die Vorſtellung eines Briefſtellers als einer Briefſammlung, weil immer nur ein Gegenſtand jeden Brief fülle), bei weiterer Erwägung für die unten aufzuſtellende Vermutung einer Redaktion gleich nach Plinius Tode ſpricht. Ein humaniſtiſcher Fälſcher(wie früher unterſtellt ward, ſ. u.) würde eine weniger begrenzte Zeitdauer angenommen¹) und daher nicht nötig gehabt haben, die Briefſtoffe ſo ge⸗ ſchmacklos zu zerpflücken, während ein mit jenem Umſtand und mit der römiſchen Poſt vertrauter die Not⸗ wendigkeit der Zerlegung in der Unmöglichkeit eigentlichen Briefwechſels gegeben ſah und nun ſeine Einzel⸗ fragen nebeneinanderher flattern ließ. Da fällt nun freilich ein etwas ironiſches Licht auf die Mahnung des trefflichen Manſo, die Kürze des antiken Geſchäftsſtils nach Plinius Muſter zu handhaben. Gut, daß Schillers Xenien, die ihn ja auch hart treffen, damals längſt abgeſchloſſen waren! ⁴)
Das alles mußte immer auffallen, und in der That ſpricht Gierig) von Gegnern der Echtheit des 10. Buchs der Briefe, um das es ſich hier allein handelt(nec postea defuit unus et alter, qui eandein cantilenam recineret ſagt er im II. Bd. S. 388). In der neueren Litteratur ſind mir jedoch nur zwei Namen begegnet, wie auch J. C. Orelli nur dieſe kennt⁰): Semler und Julius Held. Der letztere hat nach einer tüchtigen Schrift:„Über den Wert der Briefſammlung des jüngeren Plinius in Bezug auf Geſchichte der röm. Litteratur“, Bresl. 1833, die Authenticitätsfrage geſtellt in ſeinen Prole- gomena, Suidnicii 1835, einer ſehr ſeltenen und mir nicht zugänglichen Schrift, die aber ohne allen Einfluß geblieben iſt. Dagegen iſt der berühmte Kritiker Joh. Sal. Semler, unter Hervorhebung all⸗ gemeiner geſchichtlicher Unwahrſcheinlichkeiten, auch mit einem beſtimmten Angriff vorgegangen?). Er ge⸗ langt zu dem Ergebnis, daß der berühmte Brief 96(97), eine der wichtigſten Urkunden für die Urſprünge unſeres Glaubens, worin Plinius wegen der Behandlung der Chriſten beim Kaiſer anfragt, wahrſcheinlich von Tertullian, der ihn zuerſt citiert, gefälſcht ſei s8). Dabei fällt freilich das der Forſchung ſeheriſch vor⸗ greifende Wort ein, warum„nicht ſchon eher proteſtantiſche Geiſtliche dieſen locus communis von den
¹) Plinii epistolarum libri X. Lipsiae 1805. *²) S. 32, Anm. 3.
³) Noch Semler in den„Neuen Verſuchen“(genauer Titel ſ. unten) nahm mehrere Jahre an, obwohl er es aus Maſſon(ſ. o.) beſſer wiſſen konnte. Wie ſehr Mommſens Beweis durchſchlug, zeigt die„römiſche Litteratur⸗ geſchichte“ von Teuffel..
⁴) Manſo, Vermiſchte Abhandlungen, Breslau 1821, S. 266 in ein paar Lobworten über die Kürze des antiken Geſchäftsſtils.
⁵) Gierig, Plinii epistolarum libri X. tom. 2. Lipsiae 1800. Vgl. auch Döring, Plinii epistolae, Frey⸗ berg 1843. S. 383.
6) Semleri et Heldii dubitationes aliquando dedita opera hominum nimis suspicacium mentibus eximere conabor.(Hlistoria critica epistolarum Plinii et Trajani. Turici 1838.) p. 2, nota. 6 Jahre vorher gab Orelli Plinii epistolae selectae mit nur textkritiſcher Beſtimmung heraus.
¹) Semler, Neue Verſuche, die Kirchengeſchichte aufzuklären, Leipzig 1778, S. 119ff.
³) Im Apologeticus Kap. 2.


