Aufsatz 
Plinius der Jüngere und Cassiodorius Senator : kritische Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien / von Ludwig Schaedel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

1

Die Briefe des Plinius werden von den Hiſtorikern für vollwichtige Geſchichte genommen. Erſt ganz neulich hat der berühmte franzöſiſche Duruy ſie in dieſem Sinne ganz zutraulich ausgeſchöpft ¹), und Mommſen ²) mißt ihnen nirgends eine nur indirekte Glaubwürdigkeit bei trotz einiger Bedenklich⸗ keiten(ſ. u. S. 5). Und doch iſt ihr Inhalt derart, daß man ſich verzweifelt nach der Möglichkeit umſieht, dieſe Briefſammlung nicht für bare Geſchichte nehmen zu müſſen. Mit Recht ſagte Geisler(im Philo⸗ logus Bd. XII. 1857) S. 316: für Plinius ſei noch ſo manche Frage der Sprachforſchung wie der Kritik nicht gelöſt. Seit Keils Ausgabe gilt das freilich nur noch für die höhere Kritik. Aber wie kann man es ſich doch vorſtellen, daß es dem Statthalter von Bithynien erlaubt geweſen ſei, ſich dem Throne des kaiſerlichen Freundes mit Fragen zu nahen, die ſeine völlige Untauglichkeit zu einem höheren Verwaltungspoſten dar⸗ gethan hätten, wiewohl uns dieſe Vorſtellung durch ep. 31(40) ³) und 56(64) und 96(97) erleichtert werden ſoll? Wenn er ep. 6(22) geſteht: admonitus sum a peritioribus, debuisse me ante ei Ale- xandrinam civitatem impetrare(einem Ägypter), deinde Romanam, ſo müſſen wir ihm die gewöhn⸗ lichſte juriſtiſche Bildung abſprechen. Wegen der Beſtrafung zweier Sklaven, die ſich unter den Rekruten eingefunden, wendet er ſich an den Cäſar, ep. 29(38), was ganz danach ausſieht, als ob der Verfaſſer zwar das alte römiſche Geſetz, nicht aber Neros Vorſchrift(certum dominis servorum numerum indixit, Suet. cap. 44) gekannt hätte. In Brief 79/80 und 83/‚84 zeigt er ſich den Anforderungen eines einfachen logiſchen Schluſſes nicht gewachſen, und über religiöſe Weihungen iſt er 70(71) und 75(76) durchaus ohne Unterricht. Und ſollte ein Statthalter nicht haben wiſſen müſſen, wie er bei Anlage öffentlicher Gelder vorzugehen habe, 62(54)? Dagegen iſt das früher beanſtandete ſtete domine der Anrede längſt gerechtfertigt(Catanäus, Longolius u. A.).

Die hiſtoriſche Vorſtellbarkeit dieſes Briefwechſels erſchweren auch folgende Wahrnehmungen: Warum läßt Trajan einen Senatskonſult, den er jeden Augenblick vom rector decuriarum haben konnte, aus Bithynien kommen, 72(73) und 77(78); wäre dies, wie man allenfalls deuten könnte, eine Art ſpöttiſcher Zurechtweiſung, ſo käme ſie bei dieſem Schreiben recht verſpätet. In 75(79) ſoll der Kaiſer über eine ihm geſchenkte große Erbſchaft Verwendung treffen(Bauwerke? Spiele?), ohne daß der Statthalter ihren Betrag angiebt und was noch wunderlicher ohne daß der Kaiſer danach fragte). Auch iſt ſchwer zu glauben, daß der Kriegsherr von damals 30 Legionen ſich mit dem Vorſteher einer fernen Provinz darüber ſollte beſprochen haben, ob 10 beneficiarii zu Fuß und zwei Reiter die pontiſche⁵) Provinz hinreichend decken können; ganz abgeſehen davon, daß dieſe geringe Zahl nur an den 10 lippiſchen Bundesſoldaten im Frankfurter Bundestag ein Gegenſtück findet, muß ſich zwiſchen dem Befehlshaber jenes intimen Kriegerkreiſes und dem Kaiſer doch eine Mittelinſtanz befunden haben. Vollends wird das Gebiet des Koniſchen erreicht, wenn der Erbauer der größten Weltwunder und beſonders der Donaubrücke, die Ranke ſelbſt in einer Weltgeſchichte der Erwähnung würdigte, mit der Üüberdeckung einer einfachen Straßenkloake, re vera cloaca foedissima, in einer pontiſchen Provinzialſtadt als einzigem Inhalt eines Briefes, ep. 98(99), befaßt wird. Hier möchte man mit Vignolius Marvillius ausrufen, was dieſer bewundernd über unſer 10. Buch ſagt: c'est le plus haut point de la perfection!) Damit hat Plinius ſeinen eigenen Kanon lib. III. ep. 20: habeant nostrae quoque litterae aliquid non humile nec sordidum völlig durchbrochen.

¹) Duruy, Histoire des Romains, nouv. éd. Paris 1881, tome IV, p. 798 811. Deutſche Üüberſetzung von Prof. Hertzberg, Geſchichte des Kaiſerreichs, Bd. I, S. 292 311.

²) Th. Mommſen, Zur Lebensgeſchichte des jüngeren Plinius, Hermes, 1869, S. 31 139.

³) Die erſte Zahl bezeichnet Keils, die zweite die frühere Briefnummer.

¹) Ep. 3, 6 beſtellt er übrigens auch ein Poſtament für eine fertige Statue, Steinart und Inſchrift, ohne die Maße anzugeben(jam nunc! vor der Sendung der Statue!).

) Am ausführlichſten ſpricht über die Mitverwaltung des Pontus Jo. Maſſon, C. Plinii Secundi Junioris vita, S. 72. Bündig, aber rund und ſicher, Chr. Cellarius in Schäfers Pliniusausgabe, S. 7785.

³) In der von entſetzlichen Druckfehlern entſtellten(Huantius für Avantius, Vereto ſtatt Veneto u. dgl.), aber für die Auslegung unſchätzbaren Ausgabe des Paulus Dan. Longolius, Amstelaedami, 1734.