Aufsatz 
Plinius der Jüngere und Cassiodorius Senator : kritische Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien / von Ludwig Schaedel
Entstehung
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Plinius der Jüngere und Caſſindorius Genator.

Kritiſche Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien. Von Profeſſor Dr. Ludwig Schaedel, Gymnaſiallehrer.

Es iſt der Zweck dieſer Studie, zwei merkwürdige Sammlungen von Briefen und Erlaſſen des Altertums auf ihren geſchichtlichen Wert zu prüfen, da gerade durch dieſe Verbindung vielleicht neue Aufklärungen auf beiden Seiten gewonnen werden. Denn der Abſtand von 4 Jahrhunderten trennt zwei doch weſens⸗ verwandte Geiſter von nicht geringer Ähnlichkeit der Stellung und der Zwecke. Den aufgeklärten Despotismus K. Trajans will Plinius der Jüngere, denjenigen Theoderichs des Oſtgoten, der ſich jenem ſo gerne ver⸗ gleichen ließ, will Caſſiodorius Senator verherrlichen. Daß ihre Werke dabei an geſchichtlichem Werte und kulturhiſtoriſcher Verwendbarkeit einbüßen, iſt der urſprüngliche Ausgangspunkt dieſer Betrachtung. Freilich ſteht das 10. Buch der Briefe des Plinius in der Litteratur ganz anders umgeben da wie die Variae des Senator. Wenn man an das Zeitalter der modi epistolandi und der commentaria episto- larum conficiendarum denkt, oder daran, daß Erfurt 1466 einen eigenen Lehrer der ars epistolandi aus Italien erhielt ¹), ſo begreift man die Beliebtheit der Pliniusbriefe bei den Humaniſten(ſ. u. S. 6, A. 1): waren ſie doch immerhin in gutem Latein geſchrieben ²). Später erinnerte Gottſched in der ausführl. Redekunſt(2. Aufl. Leipz. 1739. S. 34) an dieKürze plinianiſcher Sprache. Als aber mit unſerer zweiten klaſſiſchen Litteraturperiode auch eine zweite humaniſtiſche Nachblüte eintrat, erkannten Wielands Zeit⸗ genoſſen in Plinius den wahlverwandten, im Grund modern⸗ſubjektiven Geiſt mit der Allſeitigkeit ſeiner Kulturintereſſen, und er zog ſie mächtig an ³). Und wie oft war damals des weiſen Fürſten weiſerer Freund Ereignis und Wirklichkeit! So entſtand eine ziemlich erhebliche Plinius⸗Litteratur, der auch J. C. Orelli zuhalf, und 1870 hat H. Keil eine muſtergiltige Ausgabe hergeſtellt. Caſſiodorius Senator dagegen wurde wohl ausgebeutet, aber der Textzuſtand der Varien iſt für wiſſenſchaftliche Arbeit noch nicht hergerichtet¹); als ob Manſo recht behalten ſollte, wenn er 1824 äußerte, er glaube nicht, daß Caſſiodor Anſprüche habe, in das Corpus Scriptorum Germanicorum aufgenommen zu werden ⁵5), wo⸗ gegen F. Dahn mehrmals vergebens nach einer kritiſchen Ausgabe ſeufzt. Denn die letzte Ausgabe iſt die von Garetius(Venet. 1729), von der ich nicht weiß, ob der Zuſtand der Textes, dem manchmal ſelbſt die alte leichtfertige Genfer Ausgabe vorzuziehen iſt, oder die Falſchheit der Argumente, oder die Unbrauchbarkeit der ſonſtigen kritiſchen Ausſtattung weniger zu dem ſonſtigen Rufe der Mauriner ſtimmt ¹).

¹) Burſian, Geſchichte der klaſſ. Philologie, S. 146.

²) Schon 1520 hat der berühmte Heidelberger Kanzler Dietrich v. PlenningenPlinii Lobſagung verdeutſcht, hat freilich die Kunſt nicht wie Luther verſtanden: patres conscripti z. B. überſetzt erzuſammengeſchriebene Väter. über ihn Burſian, S. 102, K. Fiſchers Jubelrede, S. 34.

³) Ein anſprechendes Charakterbild des Plinius entwarf H. Schöntag im Programm von Hof, 1876. Ebenſo, aber ohne unſere kritiſche Frage zu berühren, Dir. H. Deiters, Programm von Bonn, 1885.

¹) Das Intereſſe für ihn iſt ſo gering, daß der letzte hiſtoriſche Jahresbericht, Berlin 1886, unter zehntauſend Nummern nicht einmal den Namen aufweiſt.

⁵¹) Manſo, Geſchichte des oſtgotiſchen Reiches in Italien, 1824.

D) Dieſe fetten römiſchen Ziffern verweiſen auf die Anmerkungen am Schluſſe der Ab⸗ handlung.

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