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Kulturboden. Es ist dies ausdrücklich schon von den Meistern unserer klassischen Litteratur anerkannt worden; und
noch immer ist unsere gesamte Bildungsatmosphäre dergestalt gesättigt und befruchtet von den Keimen antiker Bildung, daß man fast kein Buch in die Hand nimmt, kein Gespräch über einen Gegenstand der Kunst oder Litteratur anhören kann, ja selbst kaum eine politische Erörterung oder eine Parlamentsrede findet, in der nicht antike Ein- flüsse oder Beziehungen sich nachweisen ließen.“) Es ist kein Zweifel, daß diese Einwirkungen an erster Stelle auf die Ausdehnung zurückzuführen sind, die man den Kassischen Studien in unserem Lehrplan gegeben hat seit den Zeiten des Humanismus und der Renaissance, und daß eine Umkehr auf dem seither begangenen Wege zu einem Riß in unserer Kulturentwicklung führen müßte, der die Kultur selbst in Frage stellen könnte. Man soll aber nicht etwa sagen, daß dieser Riß nicht hervortreten werde, da man ja durch gute Übersetzungen der Alten die Brücke schlagen könne zwischen alter und moderner Kultur. Denn erstens geben solche Ubertragungen, mögen sie auch noch so geschickt sein, doch nur ein getrübtes Spiegelbild der Kunstschönheiten der alten Originale, und sodann würde das Interesse an diesen, unserem modernen und durch starke Reizmittel verwöhnten Geschmacke ihrem künst- lerischen Gehalte nach etwas fremdartigen, einfach schönen Schöpfungen erkalten, wenn nicht mehr der Formen- reichtum der Sprache und ihre Klangwirkung auf das Ohr erwärmend wirkten.
Dann aber noch ein Anderes. Gegenüber der oben kurz berührten realistischen Richtung unserer Zeit und dem vulgären Utilitarismus, der aus dem unbewußten Materialismus entspringt und in dem bewußsten ausmündet, bildet das Studium der alten Sprachen und ihrer Litteratur ein ausgezeichnetes Gegengewicht. Denn es verlangt von seinen Jüngern eine Hingabe und eine Vertiefung in einen Gegenstand, der nichts gemein hat mit naheliegenden praktischen Aufgaben und Zielen. Es übt in Entsagung und erzieht zur Freude an idealen Genüssen. Denn per asperd ad astra heißt es auch hier. Und in herrlichem Glanze leuchtet noch immer die Sonne Homers und die von ihr beschienene Welt des Altertums. Gewiß ist ja nicht zu leugnen, daß auch dunkele Schatten auf ihr liegen, und daß vor allem die sittlichen Anschauungen der Griechen und Römer häßliche Flecken tragen. Aber trotzdem ist es wahr, daß kein Volk eine Litteratur besitzt, welche in ihren profanen Erzeugnissen einen so reichen idealen Gehalt besäße wie die der Hellenen. und daß aus deren Werken, ich will hier nur der eines Plato gedenken, uns sogar helle Strahlen des himmlischen Lichtes entgegenleuchten. Wo hat ferner ein Volk gelebt, welches wie das der Griechen den Kultus von Kunst und Wissenschaft des natürlichen„Menschen allerhöchste Kraft« gleichsam in sich verkörpert hätte, wo eine Nation, welche wie die römische glänzende Beispiele der Unterordnung der Sonderinteressen unter die Staatsidee, der begeisterten Hingabe der ganzen persönlichkeit an die Zwecke des Staates aufgestellt hätte? Wahrlich die Jugend zu diesen Quellen führen, das heißt sie schöpfen lassen aus dem Jungbrunnen menschlichen Daseins.»Die jetzige Menschheit sänke unermeßlich tief, wenn nicht die Jugend den Durchgang nähme durch die stillen Tempel der großen alten Zeiten und Menschen zu Jdem Jahrmarkt des Lebens«z, sagt Jean Paul Richter ebenso schön als wahr. Und wie er dachten auch die klassischen Dichter und Denker unseres Volkes.
Wo aber ideale Gesinnung die Herzen der Jugend erfüllt, da ist es auch leicht, das heilige Feuer der Be- geisterung für die höchsten Lebensgüter zu entzünden und den Sinn zu erwärmen für des eigenen Volkes Vergangenheit und Art; zu pfiegen die Liebe zu Heimat und Vaterland, zu dessen Schutz und Schirm, wenn es gilt, wir alle freudig unser Herzblut zu vergießzen bereit sein müssen. Gewiß ist es eine der höchsten Aufgaben des Gymnasiums, diese opferwillige Liebe in den Seclen seiner Zöglinge keimen und wachsen zu lassen, und es besitzt alle Hülfsmittel, um dieser Aufgabe gerecht werden zu können.
Es wird die Liebe zum Vaterlande weecken, wenn es seine Schüler vertraut macht mit den herrlichen Schöpfungen unserer Nationallitteratur und ihnen die erhabenen Gestalten vor Augen stellt, welche den reichge- schmückten Ahnensaal unseres Volkes zieren, es wird sie opferwillig machen, wenn es ihnen die lange Reihe der Helden vor die Seele führt, welche, Hektors Wahlspruch: 8IS 0¹ν ο ςσσο Aαιυιννιďια,εα st xdnns folgend, ihre Liebe zum Vaterlande mit dem Tode besiegelt haben, und es wird ihnen endlich auch den Sinn öffnen für die Wert- schätzung einfacher gewissenhafter Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes, wenn es ihnen die Männer zeigt, welche in treuer entsagungsvoller Priedensarbeit nicht mindere Verdienste um ihr Volk sich erwarben als die, welche Blutzeugen ihrer hingebenden Liebe geworden sind. Gott sei Dank! haben wir die Musterbeispiele solcher werk- thätigen Vaterlandsliebe nicht mehr vorzugsweise in der Vergangenheit zu suchen, sondern mit Stolz dürfen wir Deutsche die heranwachsenden Generationen auf große Zeitgenossen hinweisen. Sie sind es, denen vor allem wir zu danken haben, daß wieder gewonnen ist, was verloren war, und was diese an großen historischen Erinnerungen reiche Stadt einst in anderer Gestalt erst in seinem Glanze geschaut und dann in vollem Niedergang gesehen hat.
*) Auf diesen Punkt hat wiederholt schon nachdrücklichst Provinzial-Schulrat Kruse hingewiesen.


