11
Als bestes Förderungsmittel auf diesem Wege betrachtet aber die Gelehrtenschule noch immer wie seit den Tagen der Reformation und des Humanismus die Beschäftigung mit der altklassischen Litteratur.
Es will sich meines Bedünkens für einen Vertreter des Gymnasiums nicht ziemen, diesen Teil seiner Unter- richtsaufgabe zu berühren, ohne der leidenschaftlichen Angriffe zu gedenken, welche die humanistische Bildung in neuster Zeit erfahren hat. Denn das Schweigen über diesen Punkt wird von gegnerischer Seite oft als Hochmut oder Schwäche gedeutet. Gewiß kann es sich hier nur um ein Wort der Abwehr und Wahrung des guten historischen Rechts des Gymnasiums handeln.
Es ist eine der seltsamsten Verirrungen unserer Tage, daß in einem Volke, dessen höheres Schulwesen im Auslande und gerade bei seinen erbittertsten Feinden so viel Anerkennung, ja Bewunderung sich errungen hat, eine solche Feindschaft sich gegen dasselbe breit machen, daß so viele hervorragende Männer sich zusammen finden konnten, die bereit sind, den Baum zu fällen, von dessen Asten sie selbst in der Jugend die Früchte gepflückt haben.
Es findet diese Thatsache ihre Erklärung, von egoistischen Interessen, die sich selber richten, ganz abge- sehen, einerseits in der gegenwärtig mit elementarer Gewalt herandringenden Flut eines Realismus, der alle, auch die idealen, Hervorbringungen menschlicher Geistesentwicklung nur messen will an ihrer Verwendbarkeit für die Praxis des Lebens, und andererseits in der auch auf dem Felde der Wissenschaft mehr und mehr überhand nehmen- den Teilung der Arbeit, welche das Auge verschließt für die Vorzüge universeller Bildung und dahin führt, daß manche Virtuosen inres Faches allzusehr bestrebt sind, den Strom der Bildung in ihr Kielwasser zu leiten, und die Fragen des Unterrichts und der Erziehung nur durch die Thürspalten ihrer Gelehrtenstuben oder ihres Laboratoriums betrachten und beurteilen. Daher denn auch die für die Anschauungen dieser Gegner bezeichnende Thatsache, daß sie sich einig fühlen nur in ihrer Feindschaft gegen das Bestehende, und daß der Streit über die Beute schon beginnt, ehe das Wild erlegt ist.
Es kann ja nicht bestritten werden, daß für manche, vorzugsweise praktische Berufsarten der Gymnasial- unterricht, zumal wenn er in der Mitte abgebrochen wird, nicht die rechte Vorstufe bietet, und noch weniger kann es mir in den Sinn kommen, das Verdienst derjenigen Schulen, welche eine mehr technische Vorbereitung ihrer Zöglinge mit einer allgemeinen Ausbildung derselben zu vereinigen trachten, irgendwie schmälern zu wollen. Ich brauche wohl auch kaum zu versichern, daß es mir unendlich fern liegt, den allseitig anerkannten Leistungen der hiesigen mehr realistisch gerichteten Erziehungsanstalten, deren bewährte Leiter ich heute ja als unsere Gäste bei dieser Feier zu begrüßen die Ehre habe, selbst nur mit einem Gedanken zu nahe zu treten. Es kommt mir, wie schon bemerkt, nur darauf an, unverständige und unberechtigte Angriffe auf Ziel und Methode der Gymnasialbildung zurückzuweisen und das gute Recht der letzteren zu betonen.
Niemand aber, der es mit den Gymnasien wohl meint, wird fordern, daß das sint, ut sunt, aut non sint auf sie ihre Anwendung finde; denn es ist ja klar, daß sie in der Feststellung ihres Lehrplanes dem Zeitbedürfnis Rechnung zu tragen haben.
Wie sehr man in maßgebenden Kreisen von dieser Einsicht durchdrungen ist und es für notwendig er- achtet, dem Gymnasialorganismus von Zeit zu Zeit an den Puls zu fühlen und die abgestorbenen Teile durch neue zu ersetzen, dafür zeugen die Reformen der letzten Jahrzehnte auf diesem Gebiete und insbesondere die Lehrein- richtung des Jahres 1882 mit ihrer erheblichen Erweiterung des Unterrichts im Französischen und in der mathe- matisch-naturwissenschaftlichen Disciplin auf Kosten des Betriebs der alten Sprachen. Doch auch hier gilt das: Sunt certi denique fines. Die Anderungen dürfen eben nur organische sein, aber nicht zu einem Bruche in der ganzen Entwicklung führen. Ein solcher wäre aber unvermeidlich, wenn man die dem Gymnasium von vielen zugemutete Ver- kürzung des altsprachlichen Unterrichts durchführen wollte. Denn die große Mehrheit der Fachmänner wird darüber ein- verstanden sein, daß trotz aller jetzt so gepriesenen Vertiefung der Methode und intensivstem Betriebe des Unterrichts bei einer weiteren erheblichen Beschränkung der den alten Sprachen gewidmeten Unterrichtszeit sich reife Früchte auf dem seither bebauten Felde nicht mehr zeitigen ließen, und daß es dann besser sein würde, es ganz brach liegen zu lassen.
Ich muß darauf verzichten, in dem Rahmen dieser Rede den eingehenden Nachweis zu geben, weshalb die mit Maß und Ziel betriebene grammatische Schulung des jugendlichen Geistes durch Erlernen der alten Sprachen neben dem mathematischen Unterricht den besten Wetzestein bildet zur Schärfung des logischen Vermögens und den jugendlichen Geist am besten organisiert für rein wissenschaftliche Studien aller Art. Es ist das zudem auch so oft dargelegt worden, daß eine nochmalige Ausführung fast soviel hieße wie Sand an den Main tragen. Es sei mir nur gestattet, heute in Vertretung des von mir verfochtenen Prinzips auf zwei Momente hinzuweisen.
Unsere ganze moderne Bildung und am meisten die unseres eigenen Volkes, wie sie zur Erscheinung kommt in dem öffentlichen Leben, sowie in den Erzeugnissen der Kunst und Litteratur, hat ihre Wurzeln in dem alten


