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Wahrlich es kann in dieser Stadt, wo selbst die Steine Zeugnis ablegen vom Kaiser und vom Reich, nicht schwer sein, vaterländische Gesinnung in die Seelen der Jugend zu pflanzen, zu erziehen in treuer Liebe für deutsches Land und Volk und zu thatenfroher Begeisterung für das Herrscherhaus, welches die Tugenden in sich lebendig trägt, durch welche unser Volk aus langer Schande Nacht zu neuem Lichte sich erhoben hat.
Verehrte Anwesende, wenn das Gymnasium nach diesen drei Seiten hin seine Aufgabe zu lösen versteht, wenn es Hand in Hand mit den um das sittliche Wohl ihrer Glieder besorgten Familien nach wie vor auf den Grundpfeilern christlicher Gesinnung und Gesittung die ihm anvertraute Jugend harmonisch bildet, wenn es wissenschaftlichen Sinn durch Einführung in den Schatz antiker Bildung entwickelt, ohne sich den berechtigten Einflüssen moderner Kulturent- wicklung zu verschließen, wenn es seine Schüler an gewissenhaftes Arbeiten gewöhnt und ihre Selbstthätigkeit an- regt, wenn es patriotischen Sinn fest in ihnen zu begründen bestrebt ist, wenn es, um alles in einem Punkte zusummenzufassen, dahin trachtet, sie für Großes zu begeistern und im Kleinen getreu zu sein— und das ist doch nach Lotzes Wort die Summe der Weisheit auf Erden— dann dürfen wir getrost hoffen, daß der Tag noch lange zum Segen unseres Volkes fern bleiben wird, welchen die Feinde des Gymnasiums schon herannahen sehen, an dem die Mauern und Schutzwälle der altbewährten Hochburg deutscher Bildung gebrochen werden und die Fluten der Verwüstung in ihre Kulturwerkstatt hereindringen.
lch darf mich wohl der festen Hoffnung hingeben, meine hochgeschätzten Herren Amtsgenossen, daß wir uns auf dem Boden dieser Anschauungen zu gemeinsamer Arbeit zusammenfinden werden. Sie alle sind ja schon erprobte Arbeiter im Dienste dieser Zwecke, und unsere Pflicht ist es nun, dieselben auch hier unter den besonderen Verhältnissen dieser neubegründeten Anstalt praktisch mit vereinter Kraft durchzuführen. Zwei Dinge sind es aber, welche nach meinen Erfahrungen die wichtigste Voraussetzung für gedeihliches Zusammenwirken eines Lehrerkollegiums bilden, erstens die innere Einheit, welche beruht auf der Übereinstimmung über das Ziel, dem man zustrebt und die Hauptwege, welche zu ihm führen, bei aller individuellen Freiheit im einzelnen nach dem Grundsatze: In necessariis unitas, in dabiis libertas. Das zweite Erfordernis ist, daß die Lehrer ihre Pflicht thun, nicht mit Seufzen und mit Klagen, sondern mit Freuden. Wohl ist der Lehrerberuf schwer und mühevoll und ver- langt viel Geduld und viel Entsagung. Man hat ihn mit dem des Landmanns verglichen.*) Wie dieser hat der Lehrer seinen Boden immer aufs neue zu bearbeiten und Jahr für Jahr seinen Samen auszustreuen. Aber noch öfter fällt dieser unter die Dornen oder auf die Steine, und die Saat selbst wächst langsamer, so daß wohl manchmal die Stunde kommt, in der man schier an dem Erfolg der Arbeit verzweifeln möchte. Allein um so größer ist dann auch wieder bei dem echten Lehrer die Freude, wenn er sieht, wie in den Seelen seiner Zöglinge die Saat, dank seinem unermüdlichen Eifer und seiner nicht erkaltenden Liebe, endlich aufgeht und sich fröhlich entwickelt. Möchte uns allen diese reine Freude in reichem Matze hier auf diesem Arbeitsfelde zu Teil werden!
In allen persönlichen Beziehungen bitte ich Sie jederzeit mir mit dem Vertrauen, daß ich Ihre berechtigten Interessen wie meine eigenen vertreten werde, und mit der Offenheit und Geradheit, welche die wichtigste Grund- bedingung für vertrauensvolles und ersprießliches, persönliches Zusammenwirken bilden, entgegenzukommen.
Und nun zum Schluß noch ein Wort an euch, meine lieben Schüler. Ihr seid ja dieser Schule Mittel- punkt. Für euch und für die, welche nach euch kommen, ist dies Haus gebaut, und alle Anlagen und Veran- staltungen haben euer geistiges und leibliches Wohl zum höchsten und letzten Zwecke. Seid vor allem davon über- zeugt, daß euere Lehrer bei allem, was sie euch erweisen, auch da, wo sie strafen, euer Bestes im Auge haben, und daß es ja ihre heilige Pflicht ist, euch zu erziehen in der Zucht und Vermahnung zum Herrn. Euere Lehrer werden aber um so freudiger und liebevoller ihrer Pflicht an euch warten, wenn sie wahrnehmen, daß ihr mit lauterer Ge- sinnung und willigem Gehorsam auf ihre wohlmeinenden Absichten eingeht. Und so ermahne ich euch denn in dieser Stunde vor allem mit dem Worte des Apostels an die Epheser: Leget die Lüge ab und redet die Wahrheit. Wahrhaftigkeit ist die Grundlage aller Sittlichkeit. Nur wo sie den Thron in den Herzen aufgerichtet hat, wachen die guten Geister des Menschen; nur wo sie aus den Worten des Schülers hervortönt und aus seinem Auge hervor- leuchtet, da kann Lehrer und Schüler das Band des Vertrauens und der Liebe umschließen, und nur da ist der Lehrer gern bereit zu verzeihen, wo gefehlt ist. Gewiß müßt ihr den Anordnungen und Mahnungen eurer Lehrer zu Zucht und Ordnung Gehorsam leisten, und dieser Gehorsam soll sich nicht nur bethätigen in Bewahrung von Anstand und feiner Sitte, wie ihr sie ja auch im Elternhause zu üben angehalten werdet, sondern auch darin, daß ihr euch willig einlebt in die äußere Zucht und Ordnung der Schule. Größere Gemeinschaft und besonders Schul-
*) W. Wehrenpfennig hat in einer Rede bei dem dreihundertjährigen Jubiläum des Gymnasiums zu Tilsit diesen Vergleich durchgeführt.


