Aufsatz 
Errichtung des Staatsgymnasiums. - Eröffnungsfeier
Entstehung
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Das Gebäude, der Arbeit als Heim bereitet, steht vollendet da; es scheut sich nicht vor vielen Richtern. Nach außen die gewählten Formen edler Kunstweise; im Innern die schönen, wohl ausgestatteten Klassen, die ge- räumigen Hallen und Gänge, der stattliche Saal, in dem wir versammelt sind, sie legen vollgültiges Zeugnis ab für die gewissenhafte Sorgfalt und die liebevolle Pflege, welche die Königl. Bauverwaltung, mochte ihr nun die obere Aufsicht oder die unmittelbare Leitung und Ausführung obliegen, dem Werke zugewandt hat. Es ist Pflicht und Freude für mich, allen Mitgliedern dieser Bauverwaltung, deren jahrelanges treues und sachkundiges Bemühen der Vorbereitung des heutigen Tages gedient hat jedem an seiner Stelle, namens des Königl. Provinzialschul- kollegiums auerkennenden Dank auszusprechen. Und ob meine Worte rasch verklingen, so wird der Bau selbst seinen Meistern eine bleibende Dankrede sein; und der Nachwelt, wie der Jetztzeit, wird es an Verständnis für dieselbe nicht fehlen.

In diesem fertig gestellten Hause aber soll nunmehr eine Schule ihr Werk beginnen.

Zu dem hoch angesehenen Gymnasium der Stadt Frankfurt, welches Jahrhunderte lang die einzige Schule dieser Art am Orte gewesen ist, läßzt der preußische Staat eine Schwesteranstalt treten, errichtet auf dem von den städtischen Behörden, die sich dadurch ein dauerndes, anerkennenswertes Verdienst erworben haben, hierzu gewährten frei liegenden, wohl geeigneten Platze: ein ncues Wahrzeichen dafür, wie Staat und Stadt sich die Hand reichen in treuer Fürsorge für das Wohl der Bewohner dieser altehrwürdigen Stätte, nicht allein in ihren materiellen, sondern auch in ihren geistigen Interessen. Der Direktor des städtischen Gymnasiums, Herr Dr. Reinhardt, hat auf das zuvor- kommendste der neuen Anstalt die Bahn geebnet. Wir danken demselben auch bei dieser Gelegenheit für seine alle- zeit bereitwillige und den Erfolg sichernde Unterstützung und gründen auf die Erfahrung der letzten Monate die Zuversicht, daß auch in Zukunft die beiden hiesigen Gymnasien in freundlichem Verhältnis zu einander stehen werden; daß zur Ehre der Stadt und zum Wohl des Staats der Wetteifer derselben ein zwiefacher sein wird: selbst Tüchtiges zu leisten, und sich der Tüchtigkeit der Schwesteranstalt zu freuen.

Das gymnasiale Ziel, welches beide Schulen verfolgen, vielgepriesen seit alter Zeit, muß sich freilich in unseren Tagen vielfache Schmähung gefallen lassen, auch von solchen Seiten, bei denen man wahrlich mehr Einsicht und Vorsicht des Urteils erwarten sollte. Aber das Gymnasium weit entfernt, gegen eine besonnene, maßvolle Weiterentwicklung, welche die ihm inne wohnende Idee in Ehren hält und die ihm eigenen Gaben und Kräfte nicht verkümmern läßt, sich abschließen zu wollen fürchtet seine grundstürzenden Widersacher nicht. In der Zuversicht des Sieges spricht es:»Viel Feind, viel Ehr.« Es führt seine Waffen zur Rechten und zur Linken; und wenn der Angriff sich stützt auf Entstellung der Wahrheit, so setzt es dem tönenden Phrasenschwall nicht bloß Worte entgegen, sondern es tritt den Beweis der Kraft an und spricht: Komm und siehe selbst!

Und wie heißen die Anschuldigungen, welche gegenwärtig wider das Gymnasium laut werden?»Die Beschäftigung mit den Meisterschöpfungen des klassischen Heidentums soll den frommen Christenglauben unter- graben.« Unsere Antwort lautet: Komm und siehe!

Die Furcht Gottes und der Glaube an unseren Herrn und Heiland wird auch diese Anstalt durchwalten wie das christliche Gymnasium überhaupt. Nicht bloß der Religionsunterricht soll in ihr dem Höchsten dienen; nein alles Wissens und Könnens Inbegriff, auch der Wohlduft der edelsten Blüten, welche der Baum des Heidentums ge- trieben hat, soll Gott die Ehre geben; und das ganze Leben dieser Anstalt, sich vollziehend in Regierung, Erziehung und Unterricht der Jugend, soll fest gegründet sein in der Zucht und Vermahnung zu dem Herrn.

Aber ein anderer Vorwurf erschallt:»Für Athen und Rom begeisteren die Gymnasien; dem Vaterlande ent- fremden sie.« Komm und siehe! Deutscher Sinn und deutsche Sitte ist das Lebensblut, welches auch unseren Gymnasien durch alle Adern strömt. Wohl wird ihren Zöglingen das Gesichtsfeld erweitert; wohl durch den Hin- blick auf die herrlichen Werke alter Kunst und Wissenschaft einseitiger Beschränktheit gewehrt und geschichtliches Verständnis gewahrt. Aber durch alle Bewunderung für das, was das klassische Altertum geschaffen auch für uns geschaffen, drängt sich der Dank gegen Gott, daß wir Deutsche sind. Dem stolzen Worte Civis Romanus sum tritt aus voller Kraft des eigensten Lebens das erhebende Bewußtsein entgegen: Ich bin ein Preuße; das Dulce et decorum est pro patria mori lenkt den Blick der Jugend unwillkürlich und unaufhaltsam hin auch auf die deutschen Jünglinge, die da starben in des Vaterlandes Not den Heldentod; und Herrscher, wie der Große Kur- fürst, der Große König und der Großze Kaiser, sie bieten der Liebe und Begeisterung der Gymnasialjugend einen Schatz dar, dem gegenüber Griechenland und Rom arm dastehen.

Es hat seine Bedeutung, daß dieser stattliche Festsaal gewissermaßen die erhabene Krönung des ganzen Schulbaus ausmacht. Er soll für Lehrer und Schüler die Stätte gemeinsamer Feier sein, zum Bitt- und Dankgebet