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Die Mädchenvolksschule war bisher von den Englischen Fräulein gehalten worden. Auf Anordnung des Fürstprimas wurde sie jetzt den Schwestern der Rosenberger Einigung übergeben, da deren Räumlichkeiten dem gesteigerten Bedürfnis mehr genügten. Dafür übernahmen deren bisherige Aufgabe, Kinder besser gestellter Eltern zu unterrichten, von nun an die Englischen Fräulein. Um die Rosenberger Nonnen für ihren mit der Über- nahme der Volksschule verbundenen Verlust an Einkünften zu entschädigen, wurden ihnen aus dem Zuschuß Dalbergs 1000 Gulden angewiesen. Für den Fall, daß sie damit nicht auskämen, sicherte ihnen die Spezialkommission jährlich 300 Gulden für jedes Mitglied der Einigung und 600 Gulden für die Priorin zu. Dagegen zog sie etwa eingehendes Schulgeld ein. Dadurch wurde die Rosenberger Schule eine öffentliche Volksschule, während sie bis dahin nur eine Privatanstalt der Kongregation gewesen war.
Die durch das Schulgesetz vom 1. Februar 1812 verlangten öffentlichen Volks- schulen waren also für die katholische Jugend Frankfurts bereits vorhanden. Ihre Gebäude und die zu ihrer Unterhaltung bestimmten Fonds standen bereits unter Verwaltung der Stadt(bezw. des Staats¹); es blieb also nur noch übrig, sie der Aufsicht der großherzog- lichen Ober-Schul- und Studieninspektion unterzuordnen. Der Stadtpfarrer, Geistlicher Rat Orth, wurde zum Ober-Schul- und Studienrat ernannt und übernahm das Dezernat über die katholischen Schulen. Die Spezialkommission wurde aufgelöst, und die Verwaltung des Schulfonds wurde— unter Oberaufsicht der Ober-Schul- und Studieninspektion— einem von der Gemeinde zu wählenden Schulrat überwiesen. Zu diesem katholischen Spezial- schulfonds gab der Departementsschulfonds 2000 Gulden jährlichen Zuschuß. Dazu kamen noch die Leistungen des geistlichen Güterfonds, die eingehenden Schulgelder und der per- sönliche Zuschuß Dalbergs, den er um die vom Staat gewährten 2000 Gulden kürzte— also 2000 Gulden. Die Leitung aller katholischen Schulen ²) wurde dem Professor Schenzer, Religionslehrer am Gymnasium und an der katholischen Realschule, übertragen.
Auch für die Einrichtung von Volksschulunterricht für Kinder israelitischen Religionsbekenntnisses war bereits eine Grundlage vorhanden.
Mehr noch als die christlichen Völker verdankt das Judentum dem Zeitalter der Aufklärung Befreiung von alten Vorurteilen, neues geistiges Leben. Einsichtige Männer — allen voran Moses Mendelssohn— hatten erkannt: will das Judentum Gewinn ziehen daraus, daß ein neuer Zeitgeist aufgekommen ist, daß Europa durchtränkt ist von den Jdeen der religiösen Duldung, des Weltbürgertums, des Philanthropismus, dann darf es sich nicht mehr wie bisher ängstlich absperren von der abendländischen Bildung. Dann muß es sich auf dieselbe Stufe geistiger Kultur stellen, auf der die Völker stehen, denen als gleich- berechtigte Glieder zugerechnet zu werden, die Juden nun fordern wollen. Als Organ dieser neuen Bewegung erschien für die deutschen Juden in Königsberg i. Pr. seit dem Jahre 1783 eine Zeitschrift, die auch auf Gründung deutscher Elementarschulen für jüdische Kinder hinwirkte, um wenigstens die kommende Generation zum Gebrauch der deutschen Schriftsprache, zur Teilnahme an deutschem Geistesleben zu erziehen. Auch in Frankfurt fand dieses Blatt Bezieher und Leser und weckte auch hier Verständnis für seine Forderung.
¹) Über das vermögensrechtliche Verhältnis zwischen Stadt und Staat in Frankfurt siehe weiter unten.
²) Das katholische Gymnasium Fridericianum war mit dem städtischen Gymnasium vereinigt worden.
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