Aufsatz 
Vorbereitung und Begründung des städtischen Volksschulwesens in Frankfurt am Main
Entstehung
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nur alsdann sich werden beschaffen können, wenn sie den Beruf als Schul- und Studienräte zu dem ausschließlichen Gegenstand ihrer Beschäftigung zu bestimmen vermögen und dem öfteren Besuchen der Schulen ihre Zeit unbeschränkt widmen können. So schrieb er dem Großherzog. Er berief sich auf die Autorität des Pädagogen Niemeyer, ¹) auf das Beispiel des preußischen Staates. Aber vergebens. Er drang damit bei Dalberg, der eben zelber Geistlicher war, nicht durch. Es war nur natürlich, wenn der Großherzog-Erzbischof der Ansicht war, die gegebenen Schulinspektoren sind dieSeelsorger, welche schon durch ihren erhabenen Beruf und kraft ihres geistlichen Amtes den wichtigsten Einfluß auf den Zustand der Schulen haben.**)

Am 17. März 1812 begann die Frankfurter Ober-Schul- und Studieninspektion ihre Tätigkeit. Schon in einem Schreiben an den Generalkurator Pauli hatte Günderrode gezeigt, daß er keineswegs verstimmt war über die seinen Wünschen nicht entsprechende Zusammen-: setzung dieser Behörde. ³) Er sprach die Hoffnung aus, nun eine neue Zeit für die Frank- furter Schulen heranbrechen zu sehen. Er wies-darauf hin, wie er in reichsstädtischer Zeit eine kaum nennenswerte Unterstützung seitens des Staates bei seiner Arbeit zur Hebung des Schulwesens gefunden habe, und versprach sich nun von derRegentenweisheit des Großherzogs wesentliche Förderung für diese Arbeit,an der er mit ganzer Seele hängt.

Auf diesen warmen hoffnungsfreudigen Ton war denn auch die Eröffnungsrede gestimmt, mit der er seine Mitarbeiteran der heiligen Angelegenheit des Schulunterrichts begrüßte:Das, was das Wohl des Schulunterrichts bezweckt, kann nicht herzlich und vertrauensvoll und angelegentlich genug behandelt werden. Er wies auf die vielen Mängel und Gebrechen des Frankfurter Schulwesens hin, wollte aber meinen, daß es nicht merk- lich schlimmer sei als in anderen Staaten,) und mahnte zur Vorsicht, gegenüber den vielen

¹) Vergl. Niemeyer: Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts. Halle 1824/25. Bd. II.§S. 583 ff.

²) Schulgesetz vom 1. Februar 1812. Abs. III§ 10. Wenn nachträglich Schlosser, der Direktor des Lyzeum Carolinum einer Zwischenanstalt zwischen Gymnasium und Universität in die Ober-Schul- und Studieninspektion hinein ernannt wurde, so bedeutet das kein Zugeständnis an Günderrodes Verlangen nach fachmännischer Schulaufsicht: dieser Schlosser(nicht zu verwechseln mit dem gleichzeitig am Lyzeum wirkenden bekannten Historiker gleichen Namens) war Jurist.

³) Der Ober-Schul- und Studieninspektion für das Departement Frankfurt gehörten an: I. als Direktor: präfekt von Günderrode. 2. als Vizedirektor(anfänglich als Dezernent für das Gymnasium): Senior D. Hufnagel. 3. als Dezernent für die katholischen Lehranstalten: Geistlicher Rat Orth. 4. für die Musterschule: Pfarrer Passavant. 5. für die protestantischen Volksschulen: Pfarrer Kirchner. 6. für die Zeichen- und Handwerks- schulen: Geh. Legationsrat Vogt. 7. für die jüdischen Lehranstalten: der Arzt Dr. med. Oppenheimer.(Da dieser Israelit war, bedeutet seine Ernennung zum Mitglied einer staatlichen Schulbehörde, der auch christliche Schulen unterstanden, etwas ganz Neues. Dalberg hatte sich für diesenuntadelhaften Israeliten persönlich sehr ins Zeug gelegt.) 8.für administrative Sachen: der Regierungsrat und Generalsekretär des Präfekten Ihm. 9. für die Verwaltung des Departementsschulfonds: der Kaufmann von Bethmann. 10. für das Gymnasium: der Direktor des Lyzeums Dr. Schlosser.(Die letzten drei wurden noch nachträglich ernannt.) Im Laufe des nächsten Jahres legte Pfarrer Passavant sein Amt nieder: Pfarrer Spieß trat an seine Stelle. Mit der Errichtung dieser Behörde wurde allen anderen Amtsstellen die bisherige Aufsicht über das Schulwesen entzogen. Nur die Wetzlarer Schulkommission blieb bestehen, weil Dalberg hoffte, dieses abgelegene Gebiet an einen benachbarten Souverän austauschen zu können. Am 2. November 1815 hielt die Ober-Schul- und Studieninspektion ihre letzte Sitzung: der Senat der Freien Stadt hat sie aufgelöst.

) Anders urteilte allerdings der Dezernent für die protestantischen Volksschulen Kirchner. Nachdem er durch die Ober-Schul- und Studieninspektion mit einer eingehenden Prüfung dieser Schulen beauftragt worden war, sagte er in seinem amtlichen Bericht, daß es selbst in ganz kleinen Landstädten mit den Volksschulen besser bestellt sei als in Frankfurt.