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gegen ist es die ständige Klage der Lehrer, daß die Freischüler garnicht oder nur sehr unregelmäßig zur Schule kommen. Man wird vielleicht zur Entschuldigung dafür anführen können, daß gerade die armen Leute am meisten darauf bedacht sein mußten, die Arbeits- kraft ihrer Kinder auszunutzen. Besonders die Sachsenhäuser Gärtner beschäftigten meistens ihre Kinder in ihrem Betrieb, aber soweit es sich aus den vorhandenen Berichten erkennen läßt, handelte es sich in zahlreichen Fällen keineswegs um eine Notlage, sondern es war nichts anderes als Gewinnsucht und Geringschätzung der Schulbildung. Ja warum nahmen denn solche Leute überhaupt Freischule für ihre Kinder in Anspruch, wenn sie gar nicht die Absicht hatten, sie auch wirklich zur Schule zu schicken? Es kostete ja nichts! Im Gegenteil, es konnte sogar noch etwas einbringen: es ist oft genug vor- gekommen, daß die Eltern die Schulbücher, die das Almosenkastenamt lieferte, zu ihren Gunsten verkauften! Nicht immer verfuhr man so schamlos. Aber Freude erfuhr das Kastenamt selten an seinen Pfleglingen. Pfarrer Kirchner, der die Frankfurter Quartier- schulen gründlich kannte, nannte in einem amtlichen Bericht diese Freischüler die„sen- tina plebis“¹) in allen Schulen. Gegen ihre Faulheit und Ungezogenheit waren die Lehrer völlig machtlos. Denn wenn einmal so ein geplagter Schulmann versuchte, energisch auf- zutreten, dann liefen die Eltern sofort zum Almosenkastenamt und beantragten, daß ihre Kinder einer anderen Schule zugewiesen würden. Und regelmäßig wurde diesem Wunsch entsprochen, ohne daß der betreffende Lehrer auch nur gehört wurde. Er mußte also seine Pflichttreue noch mit pekuniärer Einbuße bezahlen, und geändert wurde an der Sache doch nichts: das Kind konnte in einer andern Schule ruhig weiterbummeln. Man braucht sich also nicht zu wundern, wenn die Lehrer meistenteils, um ihr bescheidenes Ein- kommen nicht noch zu schmälern, darauf verzichteten, auf diese Freischüler einzuwirken. Allerdings veranstaltete das Almosenkastenamt alljährlich durch eine Deputation eine Prüfung seiner Freischüler, wobei die besten Schüler aus den 10 Gulden ausmachenden Erträgnissen eines Legats belohnt wurden. Oft haben auch noch die Mitglieder dieser Deputation aus ihrer eigenen Tasche Geld hinzugelegt. Aber gerade diese Gutmütigkeit, der Leute war schuld daran, daß die Prüfung nach dem Urteil von Pfarrern und Lehrern nur eine Komõdie war.
Mit Recht betonte Dalberg, daß gerade die Kinder armer Leute gan⸗z besonders eine gute Schulbildung nôtig haben, weil dies die einzige Rüstung ist, die ihnen für den Kampf ums Dasein mitgegeben werden kann. Nachdem ihm auf seinen gutmütigen Ein- wand: der schlechte Schulbesuch der Freischüler rühre vielleicht daher, daß die armen Kinder nicht die notwendige Kleidung hätten, mitgeteilt war, wie auch hierfür bei dem Wohltätigkeitssinn der Frankfurter Bürger reichlich gesorgt wäre, wollte er, daß mit Zwangsmaßregeln gegen die Eltern vorgegangen werde, die ihre Kinder nicht zum Schul- besuch anhielten.
Das Konsistorium machte den Vorschlag, durch fürstliche Verordnung zu be- stimmen: diejenigen Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, sollen stufenweise durch Lehrer, Pfarrer und Konsistorium ermahnt werden; fruchtet auch dies nichts, dann soll gegen sie mit Gefängnis und anderen zweckdienlichen Strafen vorgegangen werden, auch sollen ihnen alle persönlichen Benefizien entzogen werden. Aber dieser Versuch,
¹) Die Hefe des Volkes.


