Es erscheint uns völlig unbegreiflich, daß zu einer Zeit, die durchtränkt war von den ldeen der Aufklärung, da überall in deutschen Landen das geistige Leben kräftiger denn je pulsierte, die Bürger einer so reichen Stadt, die, auf einer verhältnismäßig hohen Kulturstufe stehend, es wohl verstanden, behaglich zu leben, der heranwachsenden Jugend solche Martern zumuteten und ihre Entwickelung so sträflich vernachlässigten. Wenn so etwas in Ostelbien vorgekommen wäre, 80 hätte man bei der Armut des Landes und der relativ geringeren Kulturhöhe seiner Bewohner es begreiflich finden können. Aber hier in der reichen Metropole, dem Sitz alter Kultur, gibt es nur eine Erklärung dafür: es fehlte in dieser Handelsstadt überhaupt die Erkenntnis von der Notwendigkeit eines geordneten Schulunterrichts. Was dem Kleinkrämer und Handwerker an Wissen not tat, das lernte er in der Lehre, allerdings„maschinenmäßig“, und„sein Ideenkreis ging denn auch nicht weiter als das Weichbild, in dem er lebte“— 80 klagte der zeit- genössische Pfarrer Kirchner, der Geschichtschreiber seiner Vaterstadt. ¹)
So gewaltigen Eindruck auf den neu anziehenden Hufnagel der Reichtum und der Handel Frankfurts machten,²) ebenso jämmerlich erschien ihm das Schulwesen der Stadt.*) Hier nun die bessernde Hand anzulegen, dazu vornehmlich hatte ihn Günderrode berufen, und dazu waren beide fest entschlossen— trotz alles Widerstands, den ihnen Eigennutz und Bequemlichkeit entgegenstellten. Mitten in der kritischen Zeit, da sich die Zukunft Frank- furts entscheiden sollte und Günderrode als Gesandter seiner Vaterstadt die Verhandlungen in Paris führte, galt seine Sorge diesen Plänen, und er schrieb an seinen treuen Mit- arbeiter Hufeland:„Für unser armes Vaterland würde es unschätzbar sein, wenn es in Verbesserungen der öffentlichen Erziehungs- und Bildungsanstalten ungehindert auf dem Grunde fortfahren könnte, wie Sie, mein Teuerster, ihn in Frankfurt legten und hoffentlich auf künftige Zeiten befestigen werden!⁴¹) Auf diesem Wege könnte Deutschland, ohne Neid und Aufsehen zu erregen, besser als durch irgend sonst eine Operation reichlich er- setzt erhalten, was ihm in politischem und statistischem Wert entzogen wird!* ⁵)
So bekennt sich also Günderrode zu demselben Gedanken, von dem aus ein Jahr später Deutschlands beste Männer die Wiederaufrichtung des niedergebrochenen Preußen in Angriff nahmen:„Der Staat, muß an geistigen Kräften ersetzen, was er an physischen verloren hat“. Was uns erst Ereignisse einer späteren Zeit als Tatsache erwiesen haben: die Nation wird auch im politischen Ringen der Völker einen Vorsprung vor dem Gegner haben, deren Bildungsniveau das höhere ist, deren Schulen die besseren sind— Günderrode schon hat es erkannt. Diese tiefe Auffassung von der nationalen Bedeutung der Schule, die so himmelweit abstach von der Geringschätzung, die seine Mitbürger ihr entgegen-
¹) Kirchner: Ansichten, Bd. I, S. 279. An einer andern Stelle(I. S. 241) schreibt er„Ein anderer als Apoll führt hier Isc. in Frankfurt] den Zepter: Plutus sitzt auf seinem goldnen Throne, und vor ihm beugt sich ehrerbietig die List wie die Einfalt.
„In unserer freien Reichsstadt, da kennt man keinen andern Klang als Batzengeklimper und höchstens den der Posthörner, wenn sie Passagiere verkünden.“ Dies Wort läßt Friedrich die Frau Rat Goethe sprechen. „Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten.“ Hinterlassene Papiere eines französisch-preußischen Offiziers. Tübinigen 1848 f. Bd. I., S. 6. Allerdings ist Friedrich ein arger Spötter, der oft übertrieb.
²) Siehe seinen Brief vom 21. April 1792, bei Stricker: Geschichte, S. 82.
³) Siehe seine Schrift:„Von der Notwendigkeit guter Erziehungsanstalten“. Frankfurt a. M. 1804.
⁴) Er denkt an die bereits(1803) erfolgte Gründung der„Musterschule“.
³) Der Brief, datiert Paris 1806, ist abgedruckt bei Stricker: Erinnerungsblätter, S. 94.


