Aufsatz 
Vorbereitung und Begründung des städtischen Volksschulwesens in Frankfurt am Main
Entstehung
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erworben. Besonders pädagogischen Fragen brachte er lebhaftes Interesse und Verständnis entgegen, und es ist nicht zu verwundern, daß ihm das Schulwesen Frankfurts sehr reform- bedürftig erschien. Die Frankfurter Staatskirche war stehen geblieben auf dem Stand- punkt der starren lutherischen Orthodoxie. Der Rationalismus, der schon durch ganz Deutschland seinen Siegeszug gehalten hatte, hatte in Frankfurt noch nicht Boden ge- wonnen: erst mit Hufnagel drang er dort durch. Da ja aber die Schule zu jener Zeit nur ein Anhang zur Kirche war, so kann es uns nicht wundernehmen, wenn auch sie da- mals in Frankfurt in überlebten Formen eine traurige Existenz führte.

Es gab in Frankfurt nur eine einzige Schule, die aus städtischen Mitteln unter- halten wurde: das Gymnasium. Sonst aber wurde zur Erziehung der Stadtjugend aus staatlichen Mitteln kein Kreuzer gegeben ¹): für das Mittel- und Volksschulwesen tat die reiche Handelsstadt gar nichts. Den Bürgern blieb es überlassen, ihre Kinder in die vom Rat konzessioniertenDeutschen Schulen(auch Quartierschulen genannt) zu schicken. ²) IEs ist hier nicht der Ort, nochmals den jammervollen Zustand zu schildern, in dem sich diese Schulen am Ausgang des 18. Jahrhunderts befanden. ³) Man kaufte sich eine solche Schule, so wie man heutzutage eine privilegierte Apotheke kauft. Der Besitzer(oder auch die Besitzerin, denn die Witwe eines Lehrers durfte unter Hinzuziehung eines Gehilfen die Schule weiterführen) war nun natürlich darauf angewiesen, aus diesemGeschäft den größtmöglichen Nutzen zu ziehen. Das heißt also: er mußte bestrebt sein, möglichst viel Schüler um nicht zu sagen Kunden heranzuziehen und die Unkosten denkbar niedrig zu halten. Da nun die staatliche Aufsicht, mit der das lutherische Konsistorium beauf- tragt war, sehr lax gehandhabt wurde, so kann man sich denken, daß bei einem solchen Geschäftsbetrieb geradezu haarsträubende Zustände einrissen so erscheint es uns wenigstens heutzutage bei unseren modernen Begriffen von Reinlichkeit und Hygiene. In den engen, dumpfen Gäßchen der Altstadt lagen die Schullokale. In einem einzigen, spärlich vom Tageslicht erhellten Raume von, im günstigsten Falle, etwa 400 Quadratschuh 4) waren oft gegen 200 Schüler versammelt,die wie das Vieh übereinanderlagen, und man kaum stehen noch sitzen konnte. Und nun denke man sich die Temperatur, die sich da an heißen Sommertagen entwickelte!?²) Denn Hitzferien oder Sommerferien gab es nicht.

¹) In den Landgemeinden, die zum Frankfurter Staatsgebiet gehörten, erhielten die Lehrer, die auch die niederen Kirchendienste versahen, Dienstwohnung und Gehalt.

²) Für das Schulbedürfnis der Katholiken war durch das Bartholomäusstift und einige Kongrega- tionen in durchaus angemessener Weise gesorgt. Sie besaßen die altehrwürdige Domschule, die in zwei Ab- teilungen zerfiel: eine Volksschule und eine 1783 hinzugefügte Realschule, besaßen zwei Mädchenschulen, die der Englischen Fräulein und die der Rosenberger Einigung, ja seit 1790 auch ein Gymnasium, das Fridericianum. Aber da in Frankfurt die lutherische Kirche die alleinige Staatskirche war, trug die Stadt zum Unterhalt dieser Schulen nichts bei; sie unterstanden der Aufsicht des Erzbischofs von Mainz. 4

Die Israeliten führten, abgesperrt von der christlichen Bevölkerung, eine Sonderexistenz und standen deutscher Bildung noch ganz fern. Sie hatten einige Schulen, die aber ausschließlich religiösen Zwecken dienten.

³) Siehe darüber die im Anhang abgedruckte zeitgenössische Schilderung Kirchners und die Abhandlungen von Eiselen und Neumann(vergl. den Literaturnachweis). ) Gleich 32 bis 33 qm.

) Ein Lehrer(Kemmeter sen.), einer der letztendeutschen Schullehrer in Frankfurt, berichtet, daß im Sommer das Thermometer oft 28° Réaumur in seiner Schule zeigte, sodaß Kinder, mit der Fibel in der Hand, vom Schlaf überwältigt umfielen.