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Perücken bis an den jüngsten Tag nicht zuwege gebracht hätten“, wie Frau Rat Goethe etwas despektierlich an ihren Sohn schrieb ¹), wurde jetzt durchgesetzt. Mag man Dal- bergs Unterwürfigkeit gegen Napoleon, seinen Mangel an deutsch-nationalem Gefühl noch so sehr verurteilen,— wie wenige deutsche Fürsten gab es damals, mit denen es hierin besser bestellt war!— das Verdienst muß ihm die Geschichtschreibung zuerkennen: Dort wo er unbeeinflußt von den Rheinbundsinteressen seine Absichten hat entwickeln können, da hat er stets das Beste gewollt und ist bestrebt gewesen, in uneigennütziger und unparteiischer Weise es durchzuführen.
Auf keinem Gebiet hat er so lebhaft sein persönliches Interesse gezeigt als auf dem Gebiet des Schulwesens; und hier tat seine bessernde Hand am meisten not. Gewib, schon waren die Männer am Werk, die sich vorgenommen hatten, die Volksbildung in Frankfurt auf eine völlig neue Grundlage zu stellen: Günderrode und Hufnagel. Aber- erst seine fürstliche Autorität, sein verständnisvolles Eingehen auf ihre Pläne, gab ihnen
die Möglichkeit, die Durchführung ihres Programms— Errichtung städtischer Volks- schulen— während seiner Regierung in die Wege zu leiten.
Zwar war der Freiherr Max von Günderrode ein geborener Frankfurter. Aber Er- ziehung und Unterricht hatte er auswärts genossen und hatte in verantwortungsvollen Stellungen im nassauischen Staatsdienst reiche Erfahrungen gesammelt. Er war ein un- abhängiger Mann, den kein Geschäftsinteresse Rücksicht nehmen ließ auf die persönlichen Wünsche der Bürger. So war sein Gesichtskreis weiter, sein Blick geschärfter für die Schäden der Verwaltung als bei seinen Amtsgenossen. Seit 1785 gehörte er der Obrigkeit an, zuerst als Senator, dann auch als Mitglied des Kollegiums der sieben älteren Schöffen, gleichzeitig war er Direktor des Konsistoriums und leitete als solcher das Kirchen- und Schulwesen der Reichsstadt. Und öfters geriet er mit seinen Amtsgenossen in der Stadt- verwaltung hart zusammen, über deren„Angstlichkeit und Verlegenheit“ er gelegentlich bitter klagt. ²)
Als Gehilfen für seine Reformpläne hatte er, als im Jahre 1791 das Seniorat des lutherischen Predigerministeriums neu zu besetzen war, Wilhelm Hufnagel in dieses Amt berufen. Hufnagel war in Erlangen Professor an der Universität, Pastor und Inspektor des Predigerseminars gewesen. Als Mitarbeiter an der Erlangischen Zeitung und Heraus- geber der Zeitschrift„Für Christentum, Aufklärung und Menschenwohl“ hatte er sich ein- gehende Kenntnisse und eine umfassende Bildung auch über seine Fachwissenschaft hinaus
¹) Briefe von Goethes Mutter an ihren Sohn. Schriften der Goethegesellschaft. Bd. IV, S. 347. Weimar 1889.
²) In einem Brief an Hufnagel, datiert: Frankfurt, den 23 Juli 1803. Abgedruckt bei Stricker, Ge- schichte S. 165 f.
Der Brief ist überhaupt bezeichnend für Günderrodes Urteil über die Indolenz der Frankfurter Behörden am Ausgang der reichsstädtischen Zeit. Die Energielosigkeit des Rats gegenüber den Unruhen wegen Erhebung des Weinumgelds, der eine Nacht und dritthalb Tage hindurch in der Ratsstube permanent bleiben mußte, seine schwächliche Haltung dem„Pöbel“ gegenüber lassen Günderrode das Geständnis machen:„Bei solchen Vorfällen ist kein bittererer Schmerz als an der obrigkeitlichen Gewalt teilzunehmen, und so sehr ich mich, durch Zeit und Erfahrung unterstützt, bemüht habe, mich darin zu ergeben, so vermag ich's doch nicht zu unterdrücken und unempfindlich gegen die Schande zu sein..... Nichts ist trübseliger als eine reichs- städtische Organisation in Augenblicken überraschender Volksunruhen“.


