dieſem ſich nur in Reibung verſetzt, ohne die Sache prufen zu wollen, und auf dieſe Art alſo unvermerkt zu einem taͤuſchenden Selbſtvertrauen auf die Untruͤg⸗ lichkeit ſeiner Anſichten fortgeriſſen wird. Ja, was dieſem Uebel noch mehr und beſtaͤndig Nahrung zufuͤhrt, iſt der unvermeidliche Umſtand, daß wirklich Nie⸗ mand ſo leicht von einem aͤngſtlichen Kleinigkeitsgeiſte befallen wird als ein Ju⸗ gendlehrer*), weil er vermoͤge ſeines Berufes daruͤber zu wachen hat, daß nicht aus Kleinigkeiten Unordnung und bedeutendere Uebel entſtehen, die er ſchon in ihrem Keime erſticken muß. Die Folge hiervon kann jedoch auch ſchon dem Haus⸗ lehrer gefaͤhrlich ſeyn.— 4 Aber eine wohl eingerichtete oͤffentliche Schulanſtalt macht durch ſich ſelbſt eine Mehrzahl von Lehrern nothwendig. Wie leicht kann dieſe an ſich wohlthaͤtige Einrichtung in ein Gebrechen des Ganzen ausarten!— Ich uͤbergehe den Fall, daß die Geſammtzahl der Lehrer hierbei in Abweichung gegen die Grundgeſetze der Anſtalt, gegen die Abſicht und das Augenmerk der vom Staate gegebenen Vorſchriften ſich vereinen ſollte, denn die⸗ ſer Fall iſt nur ſelten. Aber allerdings haͤufiger iſt der entgegengeſetzte. Eine Schule ſtellt gewiſſermaßen einen Staat im Kleinen dar: Fuͤhrer und Zoͤglinge verfolgen nach gewiſſen vorgeſchriebenen Geſetzen ein gemeinſchaftliches Ziel. So wie aber in jedem Staate die Untergebenen unmoͤglich das Ziel gluͤcklich erreichen, wenn ihre Fuͤhrer ſie nicht in einem Geiſte der Eintracht dahin fuͤhren, ſich wechſelſeitig in dem Zwecke unterſtuͤtzen und harmoniſch nach ihm hinwirken, ſon⸗
*) Niemand muß ſich mehr zu Kleinigkeiten herablaſſen und ſtrenger auf Kleinigkeiten halten, als der Schalmann, darf man ſich wundern, wenn unvermerkt auch ſein ſittliches urtheil dabei leidet, wenn er leichtſinnige Streiche ſeiner Schuͤ⸗ ler oder wohl gar unſchuldige Ausbruͤche einer jugendlichen Luſtigkeit fuͤr große Verbrechen anſieht und ein ängſtlicher Pedant wird.— Fr. V. Reinhard uͤber den
Kleinigkeitsgeiſt in der Sittenlehre. XVI. 3


