Aufsatz 
Über die Nachteile des zu langen Verweilens im häuslichen Unterrichte bei den Vorzügen der öffentlichen Schulen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

man, koͤnne doch einem Einzigen ſich beſſer mittheilen, ein einziger Lehrer dage⸗ gen ſtehe in wahrem Mißverhaͤltniſſe zu einer oft ſo großen Zahl von Schuͤlern. Aber bei dieſer Streitfrage kommt es wohl hauptſaͤchlich auf die Lehrer ſelbſt an. Wenn dieſe von aufrichtiger Abſicht, von wahrer Liebe zur Sache erfuͤllt ſind, wenn ſie, weit entfernt von jener Bitterkeit und jenem muͤrriſchen Pedantismus der Vorzeit, ihre Strenge durch Theilnahme an dem Jugendleben mildern; wenn ſte ſich von denen, die ihrer Erziehung und Bildung uͤbergeben ſind, Liebe und zwangloſes Vertrauen zu gewinnen ſuchen; wenn ſie ihr Auge darauf richten, hier die Traͤgen und Schlaͤfrigen aufzumuntern, dort die Muthwilligen und Leichtſinnigen im Zaume zu halten, und ſo in Allen die erwuͤnſchte Lernbegierde und die Wahrhaftigkeit der Sitte hervorzurufen und zu naͤhren; wenn ſie dabei das Ernſte durch die Heiterkeit zugehoͤriger Bemerkungen, der Vergleichung und Reflexion, wo es angemeſſen iſt, zu wuͤrzen ſich bemuͤhen, und ſo durch Strenge und durch Milde ſich empfehlend, ihre Vortraͤge in eine der jugendlichen Auf⸗ merkſamkeit dienende Ordnung einkleiden: wer moͤchte dann noch zweifeln, daß ein ſolcher Unterricht die haͤusliche Unterweiſung uͤbertreffen muͤſſe, da die Zahl der Zuhoͤrer hier nur die Theilnahme vermehrt. Der Vortrag eines ſo geſtellten Lehrers, ſagt Quinctilian, gleicht nicht einem nur fuͤr Wenige berechneten Gaſt⸗ mahle, ſondern ertheilt wie das Tageslicht, Allen zugleich Licht und Waͤrme. Und gerade hierin moͤchte wohl auch das Geheimniß zu ſuchen ſeyn, wie es einem Lehrer gelingen ſoll, einen untadelhaften, nach dem Edeln und Hoͤhern aufſtre⸗ benden Geiſt unter der Zahl ſeiner Schuͤler zu erwecken, zu verbreiten und ſo den haͤufig wiederhallenden Vorwurf eines rohen Studententhums von den vorbe⸗ reitenden Gelehrtenſchulen zu entfernen.)

*) Omnium honestarum rerum semina animi gerunt, quaec, admonitione excitantur: non aliter quam scintilla flatu levi adjuta ignem suum explicat. Sed multis praeceptis

eget animus, ut videat, quid agendum sit in vita; nulla res animis honesta induit