— 6—
dung iſt?— Ich betrachte die Tugend reiner Liebe zu den Eltern, auch ſelbſt die vollkommen gleichen, huͤlfreichen Bande zwiſchen Geſchwiſtern fuͤr das erſte ju⸗ gendliche Alter der hoͤchſten Beachtung und moͤglichſt reinen Pflege werth. Moͤgen entfremdete Kinder in den Augen des Unbekannten durch Altklugheit, durch vielleicht anſtaͤndig ſcheinende Dreiſtigkeit und Vorzuͤge, die ihnen ſonſt ihre unnatuͤrliche Lage in ihrer Geſittung verſchafft hat, vor andern ſich auszeich⸗ nen: fuͤr den reinen kuͤnftigen Menſchen in ihnen bleibt eine fuͤhlbare Luͤcke, die wohl keine Schule und keine ſpaͤtere Erziehung auszufuͤllen vermag. Das Bei⸗ ſpiel eines ſittlichguten und gefuͤhlvollen Erziehers kann auf die jugendlichen Ge⸗ muͤther mit einer geheimen Kraft einwirken, ja es wird auch dem Unterrichte ſtets eine noͤthige Weihe ertheilen; aber wie unentbehrlich iſt fuͤr das fruͤhere Alter das Beiſpiel treuer und edler Eltern um der noch innigeren Annaͤherung Willen? Durch einen heiligen Trieb der Natur fuͤhlt ſich die Kindheit von ſelbſt berufen, uͤberall das Beiſpiel der Eltern als die angewieſene Richtſchnur ihres Verhaltens zu betrachten; das kindliche Gemuͤth iſt ſo ſichtbar hiervon angezogen, daß is an denen, welche ihm Eltern ſind, jede Richtung ſeiner eignen Erkennt⸗ niß abzunehmen pflegt, daß es die Gegeuſtaͤnde ſeiner Furcht und ſeiner Liebe auch zum Spiegel ſeines Wuͤnſchens oder ſeiner Verabſcheuung ſich dienen laͤßt. So ſehr daher die Außenwelt und das Leben im weiteren Kreiſe ſchon in die fruͤheſte Bildung des Menſchen wohl auchmit einwirken und durch ihren Eindruck beſondere Gedankenverbindungen(Reflexion) erzeugen; ſo bleiben dennoch die Spuren des von dem Sinne und Thun der Eltern ausgehenden Geiſtes gewoͤhn⸗ lich ein Gepraͤge, das tiefbegruͤndet in den Herzen der Kinder ſich erhaͤlt, gleich wie die Ton⸗Angebung fuͤr die Seele einer beginnenden Harmonie; des Va⸗ ters Ernſt und Feſtigkeit, wie der Mutter Sanftmuth und Ge⸗ duld praͤgen ſich als guͤnſtige Frucht des geſellſchaftlichen Vorbildes in die jun⸗ gen Herzen ein, um ſich hier wohlthaͤtig fuͤr die Folgezeit feſtzuſetzen.


