Aufsatz 
Über die Bedeutung eines reinen Natursinnes, und dessen Einfluß auf Geist und Herz der Jugend
Entstehung
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Gelingt es alſo den Bemuͤhungen hinweiſender Erzieher, den kindlichen Sinn der erſten Jugend in dieſer angebornen Neigung zu befeſtigen; gelingt es, ſie bey den Gegenſtaͤnden der Natur gerne verweilen zu machen, das Nachdenken in der Neigung wachſen zu laſſen: dann iſt des Guten ſchon viel geſtiftet.*) Der Grund iſt gelegt zu einer gewiſſen, nie wieder entweichen⸗ den Aufmerkſamkeit des Menſchen. Es wird ihm unmoͤglich, zu jener Gleich⸗ guͤltigkeit herabzuſinken, die mitten unter den auffallendſten Schoͤnheiten und Prachtwerken der Natur, umgeben ſelbſt von dem Seltenſten und Reizendſten, was die Kraft der Schoͤpfung wunderbar hervortreibt, untheilnehmend bleibt, nur in den Graͤnzen ihrer Sinnlichkeit, ihres Treibens ſich gewahret. Eben ſo wenig kann er nun auch andererſeits das Opfer einer Lebensweiſe wer⸗ den, die ihre Gefuͤhle uͤberſpannt, ihre Genuͤſſe uͤberreizt, die das Leben phyſiſch uͤberſchwelgend macht. Der Genuß der Natur geht von ſelbſt zur Maͤßigung uͤber; ihre Geſchenke ſind an Bedingung, an Zeit und Muͤhe, an Gelegenheit und Wechſel geknuͤpft; ſie erneuert, aber ſie reicht nicht anhal⸗ tend. Natur bewahrt daher vor der bitteren Erfahrung der Ueberſaͤttigung, des Verſinkens, des Genuſſes im Genuſſe. Rein und ungeſchwaͤcht bleibt der Eindruck auf das ihr offen erhaltene Gemuͤth, empfaͤnglich fuͤr die Reize jeder darreichenden Zeit. Der Geiſt wird immer neuer Ruͤhrung, immer der Wiederkehr jener heiligen Gefuͤhle begegnen, womit die Weiſeſten aller Zeiten das Leben erfuͤllt zu ſehen wuͤnſchten. Eben ſie nahmen ja ihre tief⸗ ſten Gedanken, ſelbſt die uͤber ideale Leitung der menſchlichen Schickſale, uͤber tieferen Gehalt der Wiſſenſchaft aus jenem Verweilen bey der allbeleh⸗ renden Natur! Ihrer Aufmerkſamkeit, ihrem empfaͤnglichen Sinne war dieſe Quelle der unerſchoͤpfliche Gedanke, der unerſchoͤpfliche Genuß.

*) Adeo in teneris consuescere multum est. Virgil. Georg. II., 272.