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ein Spiegel iſt, zugleich auf Herz und Gefuͤhl aus ihren Bildern zu wirken und ſo die ernſten, wie die entzuͤckenden Zeitpunkte ihrer Anſchauung zu einem Sinne, zu einer Beachtung in empfaͤnglicher Seele feſt zu halten. Denn nur ſo, glaube ich, wird der Umgang mit der großen Lehrerin zu einem ſolchen, den man bildend fuͤr den freien Geiſt nennen kann.—
Ich will nun in dieſen wenigen Blaͤttern zuerſt die Frage zu beantworten ſuchen, wie der Sinn fuͤr Natur ſo erweckt werden koͤnne, daß der hohe Werth einer bildenden Anſicht daraus hervorgehe.
So wie es nicht denkbar iſt, tugendhaft zu ſeyn, ohne einer herrſchen⸗ den Neigung des Willens fuͤr das Rechte, Edle und Gute ſich hinzugeben; ſo wie es ebenſo auch nicht denkbar iſt, eines gefuͤhlvollen Herzens ſich be⸗ wußt zu ſeyn, wenn nur einzelne Augenblicke, auffallende Erſcheinungen, Leiden oder Freuden eine Saite fuͤr das Heilige und Goͤttliche zum ſchnellen Anklange beruͤhren: ſo iſt es nicht moͤglich, daß der aͤchte Sinn fuͤr Natur rege werde, wenn nicht eine herrſchende Neigung fuͤr Verſtand und Herz ſich feſtſetzt, ihre Erſcheinungen, den Werth ihrer Eindruͤcke fortdauernd mit dem Leben zu vergleichen.— Es iſt alſo die Aufgabe des Lehrers in dieſem Fache zuvoͤrderſt, die dem Menſchen angeborne und ſchon fruͤhe ſich gewoͤhnlich leb— haft ausſprechende Aufmerkſamkeit der jugendlichen Seele auf die Gegenſtaͤnde der umgebenden Welt ſo zu unterhalten und ſo zu befriedigen, daß eine Ver⸗ gleichungsfertigkeit, eine Anwendungsgabe daraus entſteht, um die Seele einznweihen, daß ſie die Natur mit dem aufmerkſamen heiteren Auge des reinen Sinnes anzuſchauen lerne. Aufforderung hierzu giehy uns ja ſchon das Benehmen der Jugend, ja ſelbſt des Kindes, in welchem der Verſtand ſich kaum zu entwickeln angefangen hat: es zieht die ihm angewieſenen Ver⸗ ſorger mit Leiblichem und Geiſtigem— thaͤtig zu den Gegenſtaͤnden hin, fragt und will wiſſen, womit es umgeben iſt, und warum es ſo iſt und wird nicht


