Aufsatz 
Das Bedürfnis nach Schulärzten für die höheren Lehranstalten
Entstehung
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I. Zur Geſchichte der Schularztfrage.

Die Berückſichtigung der Geſundheitspflege in der Schule iſt bekanntlich durchaus nichts Neues, und es hat ihr ſeit Jahrhunderten nicht an Anhängern gefehlt, die ſich allerdings vorerſt noch in ſehr beſchei⸗ denen Anforderungen bewegten. Schon vor mehr als vierhundert Jahren erkannten bedeutende Schulmänner verſchiedener europäiſchen Länder die geiſtige Überbürdung der Schüler, insbeſondere derjenigen der höheren Lehranſtalten, an und verlangten eine größere Rückſichtsnahme auch in Bezug auf die körperliche Seite der Erziehung ¹).

Die hygieniſchen Forderungen dieſer Zeiten waren, wie erwähnt, noch ſehr gering und ſtießen im allgemeinen auf wenig Verſtändnis bei den Zeitgenoſſen. Erſt mit dem Aufſchwung der Hygiene und ſpeziell der Schulhygiene zur Wiſſenſchaft beginnen ſich weitere Kreiſe für ſie zu intereſſieren und die Mahnrufe von Hygienikern verklingen nicht mehr ungehört.

Im 19. Jahrhundert und ganz beſonders in den letzten Jahrzehnten iſt man ſowohl ärztlicherſeits als auch in Lehrerkreiſen ſchulhygieniſchen Fragen ſehr nahe getreten und ging ſogar ſoweit, zur Löſung derſelben, unbeſchadet der Thätigkeit der beamteten Ärzte, beſondere Schulärzte zu fordern; und heute, wo beſonders in den Städten die Schulen vielfach überfüllt ſind, und wo ſchon aus dieſem Grunde die ſanitäre Seite im Schulweſen eine äußerſt gewiſſenhafte Berückſichtigung erheiſcht, iſt die Schularztfrage ein Faktor geworden, mit dem unbedingt gerechnet werden muß.

Wiederholt haben ärztliche Kongreſſe, ſolche von Schulmännern und ferner ſolche, auf denen ſowohl Vertreter der Medizin als auch der Pädagogik zugegen waren, die Erörterung der Schularztfrage auf ihre Tagesordnung geſetzt, und trotz mannigfacher Anfeindungen, insbeſondere aus Lehrerkreiſen, war man zur Anſicht gekommen, daß die Mitwirkung der Ärzte zur Löſung ſchulhygieniſcher Fragen gefordert und die Beſtellung offizieller Schulärzte anempfohlen werden müſſe.

Wenn ich im folgenden auf die hiſtoriſche Entwickelung der Schulhygiene und insbeſondere auf die der ſchulärztlichen Beſtrebungen eingehe, ſo geſchieht es nur im Intereſſe der Vollſtändigkeit dieſer Arbeit. Ich beabſichtige nicht etwa, eine ausführliche Geſchichte des fraglichen Gegenſtandes vorzuführen, ſondern beſchränke mich an der Hand einiger Namen auf einen kurzen Abriß der Verhältniſſe bis zur Gegenwart und verweiſe im übrigen auf die Ausführungen von Herman Schiller in ſeinem Buche: Die Schularztfrage, Berlin 1899(Sammlung von Abhandlungen aus dem Gebiete der Pädagogiſchen Pſychologie und Phyſiologie, herausgeg. von H. Schiller und Th. Ziehen, III. Band, 1. Heft), ſowie auf diejenigen von Hermann Cohn im 11. Bande der Zeitſchrift für Schulgeſundheitspflege, pag. 579 ff., die ich meinen Angaben zu Grunde gelegt habe.

¹) Val. Herman Schiller: Die Schularztfrage, pag. 3.