Aufsatz 
Gedächtnisrede auf K. Fr. Hermann, gehalten am 11. April 1862 bei der Progressionsfeierlichkeit des Gymnasiums zu Frankfurt a.M
Entstehung
Einzelbild herunterladen

17

Ueberblick über das geſammte betreffende Gebiet, wenn auch einzelne Partien deſſelben durch die Unterſuchungen von Böckh und die Detail⸗ ſchilderungen von Wachsmuth bedeutend gefördert worden waren. Wer aber die Schwierigkeit, eine ſo ungeheure Maſſe des Stoffes in einen faßlichen und auf zuverläßiger Unterlage entworfenen Abriß zu bringen, ganz würdigen will, muß es ſelbſt verſucht haben, vor Erſcheinen der Hermannſchen Arbeit über einen oder den andern Punkt dieſes Gebiets ſich Klarheit zu verſchaffen. Boten nicht die Arbeiten eines Böckh oder Wachsmuth und einiger weniger Anderer die gewünſchte Hülfe, ſo war man entweder auf zerſtreute, oft ſchwer zu gewinnende Einzelſchriften neuerer Zeit angewieſen, oder gar auf ältere Sammelwerke bis zum Gronov'ſchen Theſaurus hinauf. Hermann bietet in dem Text einen bequemen Ueberblick des Ganzen, in den Noten einen zum Erſtaunen reichen Vorrath im Einzelnen, und deutet bei dem, was er berührt, entweder ſelbſt den richtigen Geſichtspunkt unter Beifügung der Beweis⸗ ſtellen an oder gibt bei offenen Fragen die Anſichten für und wider mit den nöthigen Winken zu ſelbſtſtändiger Nachprüfung. Die Culturge⸗ ſchichte bietet zwar ihrer nächſteu Beſtimmung entſprechend kein ſo reiches Detail, wie die Werke über griechiſche Alterthümer; dagegen zeigt ſie die oben genannte ſtreng geſchichtliche Auffaſſung nicht bloß auf dem Gebiet des Griechen⸗ und Römerthums von Anfang bis zu Ende, ſon⸗ dern Hermann bewährt dieſelbe hier in noch höherem Maße dadurch, daß er dieſen beiden Nationalitäten ihre richtige Stelle in der Geſchichte der Menſchheit anweist und daneben noch ihre monumental⸗exempla⸗ riſche Bedeutung für alle ſpätern Zeiten hervorhebt. Wie hoch ihn aber eine ſolche Betrachtungsweiſe des Alterthums über eine einſeitige Vor⸗ liebe für die Philologie im engern Sinne erhob, wie fruchtbringend er die ſo gewonnenen Lehren der Vorzeit für die Gegenwart ſelber zu machen wußte, leuchtet aufs ſchönſte aus den Reden hervor, die er zu Göttingen zum Theil in ſehr bewegter Zeit vor der akademiſchen Jugend hielt. Unabhängig nach oben und unten, tritt er mannhaft den Ueber⸗ treibungen nach der einen oder andern Seite entgegen und ſtellt den Anhängern extremer Richtungen bald die Lehren, bald die Vorbilder des Alterthums, jetzt warnend, jetzt ermunternd vor Augen. Ein weiterer Charakterzug von Hermanns Schriften, der freilich, wie das eben Er⸗ wähnte, mit der Perſönlichkeit des Mannes als ſolchen innig zuſammen⸗ hängt, iſt das, daß Alles, was er ſchrieb, nicht ein bloßes Produkt des berechnenden Verſtandes, ſondern ganz eigentlich ein Stück ſeines Lebens, 2