Aufsatz 
Gedächtnisrede auf K. Fr. Hermann, gehalten am 11. April 1862 bei der Progressionsfeierlichkeit des Gymnasiums zu Frankfurt a.M
Entstehung
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Ruf als Profeſſor nach Göttingen anzunehmen. Die glänzenden Ver⸗ hältniſſe, in die er dort eintrat, als Profeſſor der Philologie und Archäo⸗ logie, als Vorſtand des philologiſchen und pädagogiſchen Seminars, die Bedingungen, die er zu Gunſten ſeiner dortigen Fachgenoſſen vor Annahme des Rufs geſtellt hatte, und das hierdurch von vornherein freundliche Verhältniß zu dieſen, der Ruf ſeiner bisherigen Leiſtungen, der ſeine künftigen Zuhörer ſchon im Voraus für ihn einnahm, Alles das ſchien ſeine Göttinger Wirkſamkeit noch über die in Marburg er⸗ heben zu ſollen. Auch beſeelte ihn derſelbe Eifer, ſeine raſtloſe Thätig⸗ keit in Schrift und Wort erzielte dieſelben oder noch glänzendere Er⸗ folge, die Jugend blieb ihm mit gleicher Liebe, ſeine Collegen mit nicht geringerer Hochachtung, ſeine neue Landesregierung mit demſelben Wohl⸗ wollen zugethan. Aber zeitweiſe trat dort wieder eine ihm ſcheint's angeborne und durch angeſtrengte Thätigkeit nur zu ſehr genährte Reiz⸗ barkeit ſeines Weſens hervor, die ihm manche trübe Stunde bereitete und ihm wenigſtens vorübergehend im Jahr 1853 den Gedanken nahe gelegt zu haben ſcheint, ſtatt ſeines Göttinger Amtes die Leitung des hieſigen Gymnaſiums zu übernehmen. Doch ſein krankhaftes Gefühl zu bekämpfen bot ihm ſein edler und feſter Charakter vollſtändig aus⸗ reichende Mittel dar. Unheilbar dagegen waren die Wunden, die wieder⸗ holte Todesfälle in ſeiner Familie ſeinem Gemüthe ſchlugen. So der Tod ſeines hoffnungsvollen zweiten Sohnes, April 1847, der ſeiner eigenen Mutter, Dezember 1851, und endlich 1855 am 24. Dezember der Tod ſeiner trefflichen zweiten Gattin. Wie wenn durch dieſen Schlag ſein Lebensmark erſchüttert worden, ahnte er von dieſem Tag an ſeine eigene nahe Auflöſung voraus und traf danach ſeine Anordnungen. Nach einem kurzen Unwohlſein, das ſein Arzt aufs entſchiedenſte für ungefährlich erklärte, ſollte leider ſein Vorgefühl ſich beſtätigen, indem er am letzten Tag deſſelben Jahres der Gattin in ein beſſeres Leben nachfolgte. Welchen Verluſt in Hermann ſeine Familie erlitten, geht ſchon aus den Umſtänden, unter denen ſein Tod erfolgte, hervor. Was ſeine Schüler, was die Wiſſenſchaft mit ihm verloren, bezeugte bald nach ſeinem Tode die Stimme ehemaliger Collegen und Schüler, die ſich in verſchiedenen Tagesblättern vernehmen ließ, bezeugte ferner das Ehrendenkmal, das ſeinem Andenken von Seiten ſeiner Schüler durch Aufſtellung einer Marmorbüſte im Göttinger Bibliothekſaal geſtiftet wurde. Auch uns ſoll das Streben, das ſich in Allem dieſem kundgab, das Bild des Dahingeſchiedenen in der Erinnerung zu beleben, bei einem