Aufsatz 
Gedächtnisrede auf K. Fr. Hermann, gehalten am 11. April 1862 bei der Progressionsfeierlichkeit des Gymnasiums zu Frankfurt a.M
Entstehung
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heit bot, den ganzen Reichthum ſeiner Kenntniſſe in den verſchiedenſten philologiſchen Disciplinen auch praktiſch zu verwerthen. Das durch den Erfolgbeiden immerzahlreicher zuſtrömenden Jüngern ſeiner Wiſſenſchaft gewonnene Selbſtvertrauen, die Zei⸗ chen äußerer Anerkennung von Seiten der Landesregie⸗ rung und ſeiner Mitbürger(wiederholte Gehaltserhöhung, Er⸗ nennung zum Seminardirektor, zum zweiten Univerſitätsbibliothekar, zum Profeſſor der Beredſamkeit, wiederholt zum Prorektor, endlich zum Marburger Ehrenbürger), die ehrenden Anerbietungen von außen(Berufung nach Leipzig, nach Freiburg, nach Bonn, zwei Mal nach Heidelberg) machten den etwa zehnjährigen Aufenthalt Hermanns in Marburg zu einer der geſegnetſten Perio⸗ den in ſeinem ganzen Leben. In ſeiner Familie freilich traf ihn während dieſer Zeit ein harter Schlag. 1833, am 10. April, hatte er ſich mit Helena Rebekka Claus von Frankfurt a. M. ehelich ver⸗ bunden und ſchon nach Jahresfriſt ſollte ihm die liebenswürdige Gattin, nachdem ſie ihn mit einer Tochter beſchenkt, durch den Tod entriſſen werden. Doch gelang es ihm, für dieſen ſchmerzlichen Verluſt Erſatz zu finden, indem er ſich am 23. April 1835 mit einer Freundin und Verwandtin ſeiner erſten Gattin, mit Chriſtiane Friederike Finger aus Frankfurt a. M., in zweiter Ehe verband. Auch die zwei Söhne und zwei Töchter, die aus dieſer Ehe hervorgingen, wurden ihm in Mar⸗ burg geboren. Zudem lebte Hermanns bereits bejahrte Mutter(der Vater war ſchon 1827, 77 Jahre alt, geſtorben) ſeit 1838 bei ihrem Sohn in Marburg, ſo daß ihm das dergeſtalt erweiterte Familienleben die Erholung und die ſtillen Freuden, deren er zu neuer Anſtrengung in ſeinem Beruf ſo ſehr bedurfte, in vollem Maß gewährte. Er hatte ſich in der Nähe der Bibliothek ein eigenes Haus mit Garten gekauft und erfreute ſich in ſeinen Erholungsſtunden gern der reizenden Aus⸗ ſicht, die man von da aus auf das liebliche Lahnthal genoß. Genug, es ſchien, als fühle ſich Hermann in Marburg vollkommen glücklich und werde ſich nie von ſeinen ihm lieb gewordenen dortigen Collegen trennen. Und doch kam es ſo. So werth ihm Marburg geworden und ſo oft er dieß durch Ablehnung auswärtiger Anträge bewieſen hatte, ſo veran⸗ laßte ihn doch die Meinung, daß von Seiten der Regierung nicht ge⸗ nug für die Univerſität geſorgt werde, ſowie die vielfache Zuziehung zu zeitraubenden Verwaltungsgeſchäften, denen er ſich gleichwohl immer mit größtem Eifer unterzogen hatte, endlich im Sommer 1842 einen