Aufsatz 
Pretiöse Charaktere und Wendungen in Corneilles Tragödien / von A. Rudershausen
Entstehung
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Als ihr Seleucus denselben Wunsch aufs neue nahe legt, da deutet zunächst Rodogune nur den hohen Preis an, den ihr Besitz die Bewerber koste:

Wisst ihr, wie viele Pflichten, Müh'n und Dienste

Die Launen meines Zorns von euch verlangen?

Wisst ihr, wodurch allein ihr meiner wert seid?

Wie viel Gefahren ihr erdulden müsst?

Nur einem König schenke ich mein Herz ¹). Dann aber redet sie ein freies Wort, welche Pflicht ihnen das Gebot der Liebe wie der Ehe auferlege:

Das Blut, das in euch wallt, und dieser Thron,

Den er euch liess, verlangen, dass an ihn

In treuer Liebe euer Herz zurückdenkt.

So wollen Liebe es zugleich und Ehre,

Die fest vereint mit euren Herzen sind.

Um Rodogune zu gewinnen muss

Man einen Vater rächen ²).

Nicomèede.

Unter den Frauenrollen in Nicomède zeigt allein Laodice, des stolzen Siegers von Asien Braut, in der peinlichen Lage, in die sie durch des römischen Gesandten Flaminius anmassendes Gebahren gedrängt ist, pretiösen Character. Schon in der Begegnung mit Nicomedes I, 1 ist dieser Character, der es auf die Schonung des Mitmenschen absieht und jegliche Härte des Urteils ängstlich zu vermeiden trachtet, nicht zu verkennen. Denn wie Nicomedes die Armee verlässt, um seiner Geliebten an Prusias Hofe gegen des Römers und der Stiefmutter Intriguen Beistand zu gewähren und sie auf die drohenden Gefahren aufmerksam macht, da erwidert sie ihm in massvoller Weise ³), indem kein Wort der Klage über ihre Lippen kommt). Mit stolzem Selbstbewusstsein erklärt sie, wie Ehre und Liebe in ihr so tief gewurzelt seien, dass niemand einen Grund habe, zu befürchten, dass sich ihr Herz Attalus zuwende, einem Manne, der beim

1) III, 4, v. 95 sqd. Savez-vous quels devoirs, quels travaux, quels services, Voudront de mon orgueil exiger les caprices? Par quels dégrés de gloire on me peut mériter? En quels affreux périls il faudra vous jeter? Ce coeur vous est acquis après le diadème, Princes.

2) III, 4, v. 135 sqd. Le sang que vous portez, ce trône qu'il vous laisse, Valent bien que pour lui votre coeur s'intéresse. Votre gloire le veut, l'amour vous le prescrit. Qui peut contre elle et lui soulever votre esprit?

v. 148. Pour gagner Rodogune il faut venger un père. 3) I, 1, v. 39 sqd. Je ne veux point douter que sa vertu romaine N'embrasse avec chaleur l'intérêèt de la reine, Annibal, qu'elle vient de lui sacrifler, L'engage en sa querelle et m'en fait défier;

4) I, 1, v. 43. Mais, seigneur, jusqu'ici j'aurais tort de m'en plaindre.