Aufsatz 
Pretiöse Charaktere und Wendungen in Corneilles Tragödien / von A. Rudershausen
Entstehung
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Verbindung mit Cäsar in solchem Masse wünscht, dass sie einen grossen Ruhm darin erblickt, auch nur einen Tag die Herrin der Welt zu sein, so darf sie doch nur frei von Schmach zu dieser hohen Stufe der Ehre gelangen(II, 1). Die Königin, deren edel denkender, menschlich fühlender Sinn bisher erkannt, kann indes ihrem königlichen Bruder ob der widerfahrenen Zurücksetzung nicht grollen; beim Herannahen des Siegers von Zuversicht für die Erfüllung ihrer Wünsche erfüllt, beruhigt sie daher Ptolomäus:

Sei ohne Furcht, ich will von anderen nichts,

Ich fühle wider dich nicht Hass noch Groll,

Und werde deine gute Schwester bleiben,

Wenn du mir gleich kein guter Bruder bist ¹). Ja, ihr Edelmut geht noch weiter, indem sie sogar die Gnade des Siegers für die anfleht, die dem Könige bisher verderbliche Ratschläge erteilt IV, 3, v. 107 sq. Selbst nachdem des Königs und seiner Berater verbrecherischer Sinn durch Cornelias Entdeckung der Verschwörung Cäsar offenkundig geworden, ist ihre Bruderliebe immer noch nicht erloschen, indem sie Verzeihung für sein Vorgehen erfleht. Wir begreifen daher auch ihre Bestürzung, als sie die Kunde von dem Tode ihres Bruders vernommen; ist ihr auch damit die Krone zugefallen, so kann sie sich doch des Kummers und des Schmerzes nicht erwehren. Und sollte sie, nachdem Cornelia Cäsar Rache und Verderben geschworen, nicht auch im Stande sein, ein Opfer für ihn zu bringen? Eh' ich so tötlicher Gefahr dich bloss Zu stellen mir erlaubte, bitt' ich Herr, Vernichte jedes Unglücks Quell in mir! Nimm für dein Leben meins zum Opfer hin! Ach, ich begehre ja, bin deiner Hand Ich unwert, Cäsar, nie ein gröss'res Glück, Als tot in deinem Herzen fortzuleben ²).

Rodogune.

Unter den hervorragenden Frauenrollen in CorneillesRodogune ist es lediglich Rodogune, deren Character zu den pretiösen zu rechnen ist, die in der peinlichen Lage, in die sie als Gefangene der Kleopatra geraten ist, das Ansehen und die Würde einer Prinzessin zu wahren sucht.

Anders verbält es sich mit Kleopatra, jenemMonstrum, das sich in den unsinnigsten Bravaden des Lasters ergeht.(Less. Dramaturgie 29. Stück.) Weit entfernt, den Schein der Idealität um sich zu verbreiten, legt sie eine solche unmenschliche Bosheit und Lasterhaftigkeit offen an den Tag, dass man es dem Dichter zum Vorwurfe angerechnet, der, aus Begierde etwas Glänzendes und Starkes zu sagen, uns das menschliche Herz so verkennen lässt, als ob seine Grundneigungen auf das Böse, als auf das Böse gehen könnten.(Less. Dramaturgie 30. Stück) efr. Lotheisen Bd. II p. 273. Und in der That, nirgends ein höheres, menschliches Fühlen und

1) II, 3, v. 41 sqq. N'ayez aueune peur, je ne veux rien d'autrui! Je ne garde pour vous ni haine ni colère; Et je suis bonne soeur, si vous n'étes bon frère. 2) V, 5, v. 1 sqd. Plutôt qu'à ces périls je vous puisse exposer, Seigneur, perdez en moi ce qui les peut causer: Sacrifiez ma vie au bonheur de la vôtre; Le mien sera trop grand, et je n'en veux point d'autre, Indigne que je suis d'un César pour époux, Que de vivre en votre àme, étant morte pour vous.