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im Herzen trägt, durch die Vermählung mit einem vornehmen Armenier gedrängt ist, die Würde zu bewahren, die der edlen Frau geziemt, die sich bei der Mit- und Nachwelt einen unversehrten Ruf zu bewahren entschlossen ist.
Schon bei der ersten Begegnung Paulinas mit Stratonice ¹) ist deren pretiöser Character nicht zu verkennen, der sich darin gefällt, den Schein der Idealität um sich verbreitend, seine vorgebliche Schwäche zu entschuldigen. Durch den herben Abschied von Polyeuct, dem sie die lautere Liebe einer Gattin entgegenbringt, in die peinlichste Situation über dessen zu- künftiges Los versetzt, wird Paulina veranlasst, ihrer Vertrauten den Grund des auf sie einstürmenden Leides mitzuteilen. Sie steht in der Offenheit ihres Characters nicht an, ihr die früheren Beziehungen zu Sever zu enthüllen, weiss indes ihr Verhalten in pretiöser Weise zu rechtfertigen:
Ein edles Weib darf ohne Schamerröten
Gestehen, dass sie ihrer Sinne Lockung
Besiegte durch die Stimme der Vernunft.
Nur aus Versuchung geht die Tugend rein
Hervor, und dessen Herz ist unbewährt,
Der nie in Kämpfen seine Kraft erprobte ²). Der Aufforderung Stratonices gegenüber, von der einmal getroffenen Wahl eines Gatten nicht ab- zustehen, beruft sich Paulina auf die Pflicht des Gehorsams, den man den Eltern schuldig sei; denn:
Die Frucht, die nur durch Widersetzlichkeit
Die Tochter ernten kann, ist nur für die,
Die keine Sünde scheut, begehrenswert). Mit diesem Pflichtgefühl, das nicht den geringsten Widerspruch gegen des Vaters Anordnungen duldet, verbindet sie aber auch eine gewissenhafte Erfüllung jener Pflichten, die ihr als Gattin obliegen. Als nämlich ihr Vater die Rückkehr des verschmähten Siegers für sich verhängnisvoll. hält, und seine Tochter als Vermittlerin die Entzweiten zusammenführen soll, da hält sie ängstliche Scheu zurück, nicht als ob sie Severs bittere Rache fürchte; nein, es ist lediglich die Besorgnis, es könnte die ihr innewohnende Kraft nicht genügen, um die Treue, die sie Polyeuct bewahren muss, im schönsten, ungetrübtesten Lichte erscheinen zu lassen.
Ich bin ein Weib, ich kenne meine Schwäche, ruft sie aus, Ich fühle, dass mein Herz noch für ihn schlägt,
1) I, 3, v. 1 sqq. Va, néglige mes pleurs, cours et te précipite Au-devant de la mort que les dieux m'ont prédite; Suis cet agent fatal de tes mauvais destins;
Aus der Steigerung der Begriffe: va, cours, te précipite, spricht die Schonung, mit der Paulina ihren Gatten auf die drohende Gefahr aufmerksam macht, ebenso wie aus der Umschreibung dieses Begriffes in v. 3, se précipiter= trop courir. 2) I, 3, v. 41 sqq. Une femme d'honneur peut avouer sans honte Ces surprises des sens que la raison surmonte; Ce n'est qu'en ces assauts qu'éclate la vertu, Et l'on doute d'un coeur qui n'a point combattu. In ces surprises des sens(v. 42) ist eine Milderung des Begriffes ma faiblesse et les autres amours I, 3. v. 40 zu erblicken. 4 3) I, 3, v. 67 sq. Quelque fruit qu'une fille en puisse recueillir, Ce m'est une vertu que pour qui veut faillir. cfr. II, 2.


